Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 wegungen erst der Geschichte an, dann sieht man, wie die Reaktion das mächtigste Mittel der Vorwärtsentwicklung ist. Die Geschichte liefert dafür genug Belege bis in die jüngste Vergangenheit. Und schon die Mittel, zu denen heute die Reaktion greifen muss, um nur einige Erfolge» zu erzielen, schon diese Mittel bezeigen, wie sehr die Entwicklung der Menschheit zu einem Begriffe wird. Das einfache Reaktionärprogramm tut es nicht mehr. Die Sehnsucht dafür ist bei den grossen Massen nicht mehr zu erwecken. Ein Land, das mit der Reaktion beglückt werden soll, wird politisch lahmgelegt, die Rechtsbegriffe werden verwirrt, die Wohlfahrtsquellen werden untergraben; aber diese widernatürlichen Mittel sind nicht im Stande, den Gang der Dinge aufzuhalten, im Gegenteil, sie beschleunigen ihn eher noch, denn die Entwicklung folgt unaufhaltsam einem Naturgesetze. Allerdings vollzieht sich dieses Werk, wie alles in der Natur, nur langsam und allmälig, und ungeduldige Menschen beklagen dies wohl, wie friedfertige und mitleidige Menschen es beklagen, dass Kämpfe, aufreibende Kämpfe oft um Gut und Blut die geschichtlichen Spuren jedes Entwicklungsganges bilden. Sie sind aber unentbehrlich, wenn auch ihre rohen Formen beschämend, ihre Opfer beklagenswert sind. Aber Stillstand bedeutet Rückgang, bedeutet schliesslich Vernichtung, während Kämpfen und Ringen Leben bedeutet. Fortschritt und Entwicklung. Und das nicht allein im kleinen Kreise der Menschheit, sondern ungleich mehr noch und in ungeheuerer Vielartigkeit im ganzen Reiche der organischen Natur. Hier ist alles von unablässigem Kampfe erfüllt, vom Kampfe des Starken gegen den Schwachen, vom Kampfe des Besseren gegen das Gute, ein grausamer Kampf, aus dem nur derjenige als Sieger hervorgeht, der sich seinen Gegnern und Mitbewerbern überlegen erweist durch die einzig wahre Kraft — weil Wahrheit Stärke — der Selbsthilfe. Selbsthilfe erscheint überall als Lebensprinzip. Die Natur schreibt vor, hilf Dir selbst; Du trittst ins Dasein, bist Du aber dessen unfähig, dann ist kein Raum für Dich in meinem nur spärlich versehenen Haushalte. Nicht allein der Mensch, sondern jedes Tier, jede Pflanze hat sich einer gestrengen Prüfung zu unterziehen, ob es zu den Starken oder Schwachen gehört, und allenthalben entscheidet der zum Schlagwort gewordene Begriff des Kampfes ums Dasein. Der Kampf ums Dasein, wer kennt das grosse Wort nicht, das, durch die neue Wissenschaft eingeführt, zum Machtwort unseres ganzen Erwerbslebens geworden ist, zum Machtwort als treibendes Motiv zur Ueberholung, zur Konkurrenz durch Leistungen auf allen Gebieten der menschlichen Erwerbstätigkeit. Und dieser Kampf, dieses Drängen und Stossen um den nicht für alle Hungerigen gedeckten Tisch der Natur ist allen Lebewesen aufgezwungen. Der Kampf ermöglicht selbst die Auslese der Natur. In ihm gehen