Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 Bibel, kein wesentlicher Lehrsatz des Judentums braucht preisgegeben zu werden, nur muss allenthalben die naturgemässe Erfassung platzgreifen. Gott bat die Entwicklung als Gesetz in die Natur gelegt, das Judentum kann dabei nur gewinnen. Der Nutzen, den die Wertschätzung von Juden und Judentum durch diese Lehre gewinnt, ist ein so immenser und vielseitiger, dass er heute noch gar nicht überschaut werden kann. Die ethische Hoheit und historische Treue der Bibel, wie die merkwürdiger Weise noch gar nicht gewürdigten Naturbeobachtungen im Talmud, die vor anderthalb Jahrtausenden Tatsachen feststellen, zu denen man erst heute die Theorie gefunden, werden in das richtige Licht gesetzt. Da aber hier jede Besprechung theologischer Fragen vermieden werden soll, möchte ich Ihnen den Gewinn nur in einem einzigen Beispiel zeigen. Soweit man in dem jüdischen Schrifttum zurückgreift, durchweht Buch tür Buch, Blatt für Blatt das Vorahnen eines dereinstigen Weltfriedens, einer Zeit, da die Schwerter umgeschmiedet werden zu Pflugscharen, Spiesse zu Winzermessern, und keine Krise kann mehr gefürchtet werden, die Anbetung des einen, einzigen Gottes durch alle Menschen durchweht die jüdische Volksseele in allen Aeusserungen, Vertrauen, Trost und Lebensmut spendend in den langen Jahrhunderten, seitdem aus dem jüdischen Volke auf eigener Scholle eine Religionsgesellschaft in fremden Landen geworden ist. Und nun, meine verehrten Damen und Herren, die Entwicklungslehre erst, sie rückt diese frommen Zukunftsträume in den Bereich der sicheren Erwartung. Wir wissen, dass diese Vorahnungen der Propheten sich erfüllen könnten, erfüllen müssen, die ganze Neuzeit ist vom Gesetz der Entwicklung, vom Zuge nach Vollkommenerem erfüllt. Die Menschheit hat sich bisher in den ihr allein vorbehalten gebliebenen Bahnen vorwärts entwickelt und muss sich nach dem Naturgesetz auch immer weiter entwickeln. Sie muss! Und wohin dies führen muss? Zur edelsten Religion auf Grund sittlicher und geistiger Vollreife, zu einem Zustande tiefsten Friedens, da unserer Zeit und ihrer Berühmtheiten nur mit Beschämung gedacht werden wird, zu einer Zeit, da es keinen Religionskampf, keine Aechtung der freien Forschung, keine Judenverfolgung und nicht einmal eine „Union" mehr geben wird. Allerdings hat es bis dahin noch gute Weile. Und der langsame Entwicklungsgang der Natur wird ja auch unserem hochverehrten Verein leider vielfach Gelegenheit geben, seinen bisherigen Erfolgen noch weitere hinzuzufügen. Für diese traurige Gewissheit aber muss uns die wenn auch ferne Zukunft entschädigen, der Gedanke, dass Fortschritt kein Ideal, sondern etwas unbedingt sicher zu Erwartendes ist, das nicht aufgehalten werden kann. Einsichtsvolle und darum geduldige, über die Eintagsberühmtheiten hinausblickende Menschen werden durch eine noch so machtvolle Bewegung nicht abgehalten werden, denn gehören diese Be-