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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1904-02-01 · 2 (2.1904) · p. Seite 12

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
16 (1904)
Issue
2 (2.1904)
Date
1904-02-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 wir selbst das Schwerste vollbracht und können und werden zweifellos es auch weiter tun, aber, und das ist der Kardinalpunkt der Frage, besteht ein prinzipieller Gegensatz zwischen dem Judentum und der Entwicklungslehre? Man kann mit einem ganz bestimmten „N e i n" antworten. Der gesunde und ewig wahre Kern des Judentums steht dem wirklich feststehenden Kern der Entwicklungslehre durchaus nicht feindlich gegenüber. Der Kern der Deszendenztheorie lehrt <fie Entwicklung als Naturgesetz, und das Judentum stellt das erprobteste Mittel der Entwicklung der Menschheit dar. "Was die Menschen gedacht in früheren Jahrhunderten, weiss Gott. Was Lamarck aufgebaut, Darwin begründet, H a e c k e 1 ausgebaut und in seinem „Welträtsel" populär machte, hat unser Moses vor Jahrtausenden unter einem grossen Teil der damaligen Menschheit erfolgreich angebahnt: Direkte, sittliche und geistige Entwicklung der Menschheit. Unklare und verschwommene Hypothesen freilich haben allerdings vorläufig keinen Anspruch auf unsere unbedingte Zustimmung, doch hören wir einmal über diesen Punkt einen unserer tiefsten Denker und besten Juden. Mein unvergesslicher Lehrer Lazarus, der meines Wissens niemals öffentlich zu Haeckel's „Welträtsel" Stellung genommen hat, schrieb mir darüber anfangs 1902, als ich dem nun verewigten grossen Mann gegenüber bemerkte, dass eben jetzt, angesichts der alle positive Religion zersetzenden philosophischen Reflexionen sein grosses und inhaltsvolles Werk, das früher zu wenig gewürdigt wurde, jetzt an Aktualität gewinnen werde, ja sich geradezu als eine rettende Tat für das Judentum darstellte, folgendes : „Ich begreife sehr wohl, dass Sie nach neuerlichem naturwissenschaftlichen Studium von der „Ethik" mit besonderer Begeisterung sprechen. Bildet sie doch das Festland gegenüber dem Meer . . . aber die Religion und Theologie braucht die Flinte nicht in das Korn zu werfen vor so flachen Bemerkungen wie Haeckel sie macht. Alle Achtung vor der Tat des Naturforschers, obwohl selbst bei ihm immer noch die tatsächliche Beobachtung von der beobachteten Tatsache sich unterscheidet." Das war ein geistreiches und zutreffendes Unterscheiden von Lazarus. Er gibt ein Beispiel: Man sagt, die Sonne geht auf oder unter. Dies ist nur eine tatsächliche Beobachtung, aber keine beobachtete Tatsache. Diese geistreiche Unterscheidung bildet zugleich einen sehr schätzenswerten Massstab dafür, wie weit der modernen Naturforscbung Gefolgschaft geleistet werden kann. Haeckel's höchstgewagte philosophische Reflexionen haben nur sehr spärlichen Anklang gefunden und wären besser unterblieben. Aber der wirklich feststehende Teil ist dem Judentum, als innerhalb der Entwicklungsgeschichte stehend, durchaus nicht widersprechend. Kein Buchstabe der jüdischen Literatur einschliesslich der

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