Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9603068-9603118--0969-9603129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11 ist frei, indem er in allem und jedem der Entwicklung dient, das Gute übt, das Böse meidet, nicht aus Furcht vor der Strafe, oder aus Hoffnung auf Belohnung, sondern weil ihn das Gute vorwärts, das Böse aber rückwärts entwickelt. Ein ethischer Gedanke, der Ihnen aus L'schem schomajim bekannt ist. Jeder Mensch ist frei, indem die Erkenntnis seiner eigenen Stellung in der Natur ihn mit Notwendigkeit darauf hinweist, dass es allein in seine Hand gegeben ist, sich weiter zu entwickeln oder still zu stehen, seiner Menschenwürde schrittweise verlustig zu werden.] Und es gibt auch kein Gebot menschlicher Wissenschaft einschliesslich der Theologie ihrem innersten Wesen nach und innerhalb der ihr zustehenden Grenzen, das im prinzipiellen Gegensatz zur Entwicklungslehre stehen würde. Ja, alle wissenschaftlichen Disziplinen, die anfänglich Gegner waren, sind längst Beweisführer geworden. Die Astronomen, welche die Gesetze der Entwicklung im Weltenraum früher schon ebenso klar und deutlich gelesen, wie heute die Botaniker, die Zoologen; die Geologie, welche uns die Entwicklungsgeschichte der Erde darlegt, die vergleichende Anatomie, die uns die nahe Verwandtschaft aller Organismen nachweist, die Paläontologie, die aus prähistorischer Zeit das wertvollste Beweismaterial für die Lehre der neuen Entwicklung liefert, die Embryologie, die uns augenfällig zeigt, dass jeder Mensch, jedes Tier als Embryo rasch nacheinander alle Formen der Vorfahren durchmacht, dass also die Entwicklungsgeschichte des Individuums die der Gattung wiederholt, die Morphologie, sowie die Entivicklung und Gestaltung der Organe, die Pathologie, deren grösstes, erhabenstes Resultat eben auf Grund der Annahme der Blutsverwandtschaft aller Organismen erzielt wurde. Ein Rundblick im Reiche der Wissenschaft zeigt, dass die Entwicklungslehre in ihrem wirklich feststehenden Teil heute keine ernst zu nehmenden Gegner mehr hat, dass sie der Gegenwart bereits nahezu und der Zukunft zweifellos ganz angehört. Bevor ich aber dazu übergehe, zu zeigen, wie diese Entwicklung sich durch Selbsthilfe vollzog, gestatten Sie mir, meine verehrten Damen und Herren, dass ich mit einigen Worten die uns alle nahe berührende Frage beantworte : welche Stellung nimmt das Judentum gegenüber der Entwicklungslehre ein? Das einfache Verneinen derselben wäre wirklich ebenso belächelnswert, wie das stolze, selbstbewusste Ignorieren gefährlich wäre. Das „Warum" will ich hier nicht näher ausführen. Eingeweihten aber kann es durchaus nicht zweifelhaft sein, dass diese Frage höchst aktuell ist. Sollen oder müssen wir Juden, die wir ja genug mit dem rückfälligen Teil der Menschheit zu kämpfen haben, uns auch noch in den im Ganzen und Grossen aussichtslosen Kampf gegen die höchst entwickelten, im Zeichen der Wissenschaft stehenden Menschen begeben? Für unsere Religion haben