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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1904-02-01 · 2 (2.1904) · p. Seite 10

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
16 (1904)
Issue
2 (2.1904)
Date
1904-02-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 von Formen und Arten haben sich im Laufe von Millionen Jahren in Millionen von Stufen entwickeln müssen, bis endlich der Mensch als die derzeit höchste Stufe erschien. All die unzähligen Organismen, ausgestorben und noch lebend, bilden eine grosse Pyramide, auf deren oberstem Gipfel der Mensch thront. Der Mensch, einzig in seiner Hoheit, einzig in der in ihm konzentrierten ungeheuren Entwicklungskraft. Einzig und doch nicht einsam. Denn jetzt und nur jetzt erst weiss der Mensch, dass er nicht als Sondergeschöpf der ganzen übrigen Natur fremd gegenübersteht, sondern, dass allüberall, wohin sein Blick fällt, ihm Verwandtes entgegenblickt. Der Adam von heute sagt nicht allein von seiner Eva, sondern von der ganzen organischen Natur: das ist Fleisch von meinem Fleisch. Dieselben Einzelzellen, die heute als Bazillus so gefürchtet sind und mit welchen einst das organische Leben auf Erden einsetzte, dieselben einfachsten Lebewesen treten uns als Zellenstaaten mit einer wunderbaren Arbeitsteilung entgegen, in jeder Pflanze, in jedem Tier bis zum Menschen hinauf. Nur im Menschen ist die höchste Entwicklung. Entwicklung — vielleicht das inhaltschwerste Wort, das die menschliche Sprache kennt! Es ist zum Lebensprinzip des modernen Menschen geworden. Dieser Begriff scheidet alle vorausgegangenen Jahrhunderte von dem gegenwärtigen und von allen zukünftigen. Die moderne Naturwissenschaft lehrt, der Mensch ist das Produkt der bisherigen Entwi-.-.klung und lebt daher wieder nur zum Zwecke der weiteren Entwicklung. Gott ist der Schöpfer des Menschen, nacn naturwissenschaftlicher Auffassung sowohl wie nach der des Menschen aus früheren Zeiten. Während aber der Mensch der früheren Zeit auf seinen direkten Geburtsadel pochen konnte und von der ganzen übrigen Natur durch einen ähnlichen grossen Abstand getrennt war, wie der ihn von Gott trennt, erfasst der moderne Mensch nur seinen persönlichen Adel, der ihm eine unbegrenzte weitere Entwicklungsfähigkeit gestattet. Und so hoch der selbst erworbene über dem nur angeborenen Adel steht, *so hoch steht der Mensch nach der neuen naturwissenschaftlichen Auffassung über dem der alten Zeit. Während dieser auf den angeborenen Adel hinweisen konnte, auch wenn er durch Gedanken, Worte und Werke sein Menschentum noch so sehr entwürdigt hatte, weiss der moderne Mensch, dass nur seine Entwicklungshöhe seine Menschenhoheit gibt. Je tiefer er sinkt, umsomehr wird er ihrer verlustig. Zur Quelle edelster, weil selbstbewusster Würde ist die Entwicklungslehre dem Menschen geworden. Sie war der Schlüssel zur Kerkerpforte seines Geistes, sie hat ihm seine Freiheit gebracht. Der Mensch der Entwicklungslehre ist frei, so frei, wie es innerhalb der Naturgesetze, die eine absolute Freiheit nicht kennen, möglich ist. Er ist frei, indem er das vornehmste Gesetz der Natur erforschte und sich dieselbe Natur dienstbar zu machen weiss. Er

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