Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 gebrauch, sondern in der ungleich klareren, oder individuellen Erfahrung finden wir die Begriffe stark und schwach scharf umgrenzt enthalten. Plötzlich, unvorbereitet, wird der Mensch oft durch unerbittliche Schicksalsschläge einer strengen Prüfung unterzogen, im Ernste des Daseins soll er zeigen, was er bisher in des Lebens harter Schule gelernt und wie sein Denken sich vertieft, sein Charakter sich gefestigt. Und Not und Gefahren, die gestrengen Prüfer, entscheiden dann, ob der Mensch sich das Prädikat „Reif für das Leben" errungen, ob er zu den Starken oder zu den Schwachen gehört. Denn angesichts einer strengen Schicksalsprüfung wird der eine verzagen, wird sich mut- und kraftlos fühlen, wird nach fremder Hilfe ausschauen. Sein Platz ist unter den Schwachen. Der andere hingegen wird eben angesichts einer Gefahr seine Kraft und seinen Mut wachsen fühlen, wird ihr trotzig die Stirne bieten, wird sich zur Selbsthilfe aufraffen; er gehört zu den Starken. Selbsthilfe ist das stolze Losungswort aller wahrhaft starken Leute. Aus eigener Tatkraft der Gefahr begegnen, ermöglicht allein, seinen Platz im Leben erfolgreich zu behaupten. Eindringlicher aber denn jedes Menschen Wort kündet uns diese erhebende Wahrheit Gott selbst in seinem zur Selbstentwicklung befähigten Werke, im ganzen Reiche der Natur. Denn die Selbsthilfe ist ein Naturgesetz. Die Natur in ihrer ganzen Entwicklung, soweit sie der gegenwärtige Stand der Wissenschaft mit Sicherheit überblicken lässt, weist uns alle auf eines ihrer unwandelbaren Gesetze, auf die Selbsthilfe hin, zum Zwecke der Entwicklung. Dass im sozialen Leben der Menschheit der praktische Erfolg sich auf Seite der charakterfesten Selbsthilfe, des zielbewussten energischen Eintretens für das eigene Recht und die eigene Würde einstellt, dies zeigt ja uns und aller Welt der hochangesehene Verein, in dessen Mitte ich heute zu sprechen die Ehre habe, die „Union", die ja zum erstenmale den dreimal heiligen Begriff ..Selbsthilfe" unter die österreichische Judenschaft getragen, die zum erstenmale den nicht genug zu beherzigenden Grundsatz praktisch durchgeführt hat: „Vertraue auf Gott, aber hilf dir vor allem selbst." Vertraue auf alles Gute und Edle im Menschen, vertraue auf geschriebene und gedruckte, verbriefte und gesiegelte Rechte und Gesetze, aber hilf dir vor allem selbst, indem du deren mannhaftes Einhalten förderst! Selbsthilfe ist die Tendenz dieses Vereines und Selbsthilfe ist das gestaltende und erhaltende Gesetz in der denkbar grössten Union, im einheitlichen Reiche der ganzen Natur! Und indem ich, Theologe und nicht Naturforscher vom Fache, daran gehe, dies vor Ihnen, meine verehrten Damen und Herren, in knappen, allgemeinen Umrissen darzulegen, bleibe ich dennoch meinem Fache und Berufe getreu, denn das erhabenste und lauterste Erfassen Gottes ist das in der Natur. Allgewaltig,