Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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31 Und so sehen Sie, meine verehrten Anwesenden, dass der Begriff der Menschheit noch immer zurecht besteht, dass wir Menschen, trotz aller individuellen Verschiedenheiten, trotz aller Verschiedenheiten von Eassen und Völkern (und diese Verschiedenheit leugnet kein Mensch) mehr Grund haben, einander zu lieben als zu hassen. Die Wissenschaft vom Menschen, wenn richtig verstanden, lehrt die Liebe und nicht den Hass. Die Menschheit degeneriert nicht, wie unsere pessimistischen Rassenthroretiker — Gobineau, Gumplowicz — wollen, durch Rassenmischung, sondern sie degeneriert durch Mangel an Wissen, durch Mangel an Bildung, durch Mangel an Liebe. Die Menschheit wird auch nicht regeneriert werden, wie unsere Weltverbesserer vom Schlage Chamberlains wollen, durch Rassenzüchtung, durch Einrichtung eines menschlichen Gestütes, sondern durch Ausrottung des Aberglaubens und der Unwissenheit, durch Milderung des Hasses und der Leidenschaft, durch Ausbreitung des Wissens und der Bildung, durch unausgesetztes Arbeiten an dem Fortschritte der Kultur. Das lehrt uns die Völkerkunde, das lehrt uns die gesamte Geschichte der Menschheit. Das Urteil von Kischenew. In dem ersten Prozesse gegen die Teilnehmer an den Kischenewer Greueln wurden zwei Angeklagte wegen Mordes zu sieben, beziehungsweise fünf Jahren Zwangsarbeit, 22 weitere zur Einreihung in die Arrestantenkompagnie verurteilt und 12 freigesprochen. Wie harmlos das klingt! Während der russischen Ostern des Vorjahres, am 19. und 20. April, fand in Kischenew ein förmlich organisierter Angriff gegen die dortigen Juden statt, wobei 47 Personen, Männer, Frauen und Kinder, zum Teil in grauenhaftester Weise ermordet, bei 400 verwundet, ferner 1550 Häuser und 500 Geschäfte zerstört wurden. Diese Szenen, die in gewisser Beziehung an die Bartholomäusnacht erinnern, bezeichnet der offiziöse Telegraph als „Unruhen-', unter denen man ebenso gut einen der Krawalle verstehen kann, wie sie in Russland häufig, aber auch anderswo vorkommen. Nicht die Tatsache, dass fast ein halbes Hundert Menschen umgebracht wurde, hat in der ganzen Welt Entsetzen erregt, sondern die Art und Weise, wie die Metzelei in Szene gesetzt worden, und vor allem der Umstand, dass die Juden ermordet oder misshandelt worden sind, nicht weil sie irgend eine Schuld auf sich geladen haben, sondern einzig und allein weil sie — Juden sind. Der russische Justizminister Graf Murawjew hat erklärt, der Prozess gegen die Missetäter von Kischenew sei in sorgfältigster Weise vorbereitet worden und werd6 in gerechtester Weise, wenn