Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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27 Die Kultur ist es aber, welche jedes Volk als sein höchstes Gut, als seinen kostbarsten Besitz schätzt. Und wenn wir wissen wollen, welche Stellung ein Volk in der gesammten Menschheit einnimmt, so fragen wir nicht nach seiner Rasse, sondern nach seiner Kultur. Daher macht es sich auch die Völkerkunde zur Aufgabe, die Völker der Erde mit Bezug auf ihren Kulturbesitz zu erforschen; indem sie die Kulturerscheinungen bei allen Völkern des Erdkreises vergleichend studiert, sucht sie die Kulturentwicklung der gesamten Menschheit zu ergründen. Wie könnte sie aber das, wenn sie nicht die gesamte Menschheit als eine Einheit, als ein einheitliches Ganzes auffassen würde? Die Völkerkunde wäre gar keine Wissenschaft, wenn sie nicht die Einheit des Menschengeschlechtes zur Voraussetzung hätte. Dass die Annahme dieser Einheit des Menschengeschlechtes vom Standpunkte der Rassenkunde, der physischen Anthropologie gerechtfertigt ist, habe ich zu Beginn dieser Stunde zu zeigen versucht. Gestatten Sie mir noch, mit wenigen Worten zu zeigen, wie auch die Völkerkunde diese Annahme geradezu zu einer wissenschaftlichen Tatsache erhebt. Diejenigen, welche die Einheit des Menschengeschlechtes leugnen und die gegenwärtig lebenden Menschenrassen auf mehrere ursprüngliche Arten zurückführen wollen, berufen sich häufig auf die Vielheit der Sprachen. Die Zahl der Sprachen, sagen sie, zwischen denen man bis jetzt im Stande gewesen ist, eine Verwandtschaft nachzuweisen und die man auf eine Grundsprache zurückzuführen vermochte, ist sehr gering und es wird niemals möglich sein, zu beweisen, dass alle Sprachen der Erde von einer einzigen Ursprache abstammen. Das ist ganz richtig. Aber wir wissen, dass die Sprachen sich so rasch und so schnell verändern, dass es der Sprachwissenschaft nur unter besonders günstigen Umständen möglich ist, eine ursprüngliche Verwandtschaft zwischen ihnen nachzuweisen. Und daraus, dass wir bei vielen Sprachen nicht im Stande sind, einen gemeinsamen Ursprung nachzuweisen, folgt noch nicht, dass sie nicht tatsächlich doch von einer Grundsprache abstammen. Und wenn wir auch niemals beweisen können, dass alle Sprachen auf eine einzige Ursprache zurückgehen, so kann es doch vor ungezählten Jahrtausenden eine solche Ursprache gegeben haben. Wer ferner aus der Vielheit der Sprachen auf eine Vielheit der ursprünglichen Rassen und auf Arten Verschiedenheit der Menschen schliessen würde, der würde zuviel beweisen. Und wer zuviel beweist, der beweist nichts. In den Vereinigten Staaten von Canada allein zählt man 58 von einander unabhängige Sprachen. In ganz Amerika hat es mindestens 100 verschiedene Sprachen ge-