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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1904-01-01 · 1 (1.1904) · p. Seite 26

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
16 (1904)
Issue
1 (1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 26 (sequence 26)
Language
German
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26 Volk, sondern eine Religionsgenossenschaft. Die Juden sind seit dem Ende des jüdischen Staates über die ganze Erde zerstreut; sie haben keine gemeinsame Sprache: denn das Hebräische kann eben so wenig als Verkehrssprache der Juden bezeichnet werden, wie etwa das Lateinische als die Sprache der Katholiken gelten kann. Auch eine spezifisch jüdische Kultur gibt es heute nicht, sondern die Juden leben in jenem Kulturzustande, welcher dem Volke eigentümlich ist, unter dem sie wohnen. Es findet sich also bei den heutigen Juden keiner von jenen Hauptfaktoren, welche ein „Volk" ausmachen. Seit der Zerstörung des jüdischen Reiches und der Zerstreuung der Juden über den Erdball haben die Juden als selbstständiges Volk aufgehört zu existieren. Das, was sie zusammengehalten und e r halten hat, ist einzig und allein die jüdische Religion, der jüdische Glaube. Nehmen Sie die Religion und alles, was mit ihr zusammenhängt: die ganze religiöse Entwicklung, die religiöse Literatur und die religiöse Verfolgung, hinweg, und es bleibt vom Judentum nicht viel mehr übrig, als ein blosser Völkername, der Name eines alten Volkes, das vor vielen hundert Jahren auf dem Schauplatz der Geschichte aufgetreten ist und seine Rolle ausgespielt hat. Nehmen Sie irgend eine „Geschichte des Judentums" in die Hand, und Sie werden finden, dass diese ganze Geschichte der Juden während der letzten 2000 Jahre im Wesentlichen nichts anderes ist, als R e 1 i g i o n s g e s c h i c h te. Es ist die Geschichte der grossen religiösen und religions-philosophischen Literatur der Juden, ihres religiösen Lebens, ihrer Liturgien, ihrer Zeremonien und endlich ihres Mäi tyi ertums. Denn auch die Geschichte der Judenverfolgungen ist nicht eine politische Geschichte, nicht die Geschichte eines Volkes, sondern die Geschichte der Leiden einer Religionsgenossenschaft. Da die Juden Jahrhunderte hindurch von der Volkszugehörigkeit ausgeschlossen und von den Völkern, unter welchen sie lebten, nicht als Volksgenossen angesehen wurden, so entwickelte sich unter ihnen umso stärker das Gefühl der Zusammengehörigkeit als Glaubensgenossen, als Angehörige einer Religionsgenossenschaft — daher der Schein, als ob die Juden ein Volk bildeten. Heute gehören die Juden in den meisten zivilisierten Ländern zu jene m Volke, unter welchen sie wohnen, dessen Sprache sie reden und an dessen Kulturschätzen sie Anteil haben, indem sie dieselben nicht bloss gemessen, sondern redlich und kräftig zur Vermehrung und Verbreitung derselben beitragen. Denn — ich wiederhole noch einmal — nebst der Gemeinsamkeit der Wohnsitze, n bst dem Bewusstsein der Zusammengehörigkeit sind es vor allem gemeinsame Sprache und gemeinsame Kultur, welche das Volkstum, die Nationalität ausmachen.

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