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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1904-01-01 · 1 (1.1904) · p. Seite 23

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
16 (1904)
Issue
1 (1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
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23 hätte, so bliebe es noch immer im höchsten Grade unwahrscheinlich und (nach dem, was ich heute schon über Kassenmischung gesagt habe) geradezu undenkbar, dass die heutigen Indogermanen die unvermischten Abkömmlinge jener Urrasse sein könnten, und wenn es in der Tat einmal eine indogermanische Urrasse gegeben hätte, so könnten wir durch keine Mittel der Wissenschaft nachweisen, was für Körpermerkmale dieser Rasse zukamen. Wir haben keine Idee, und es ist ganz ausgeschlossen, dass wir jemals eine Idee haben werden, ob die ersten Sprecher der indogermanischen Ursprache langköpfig oder kurzköpfig, blond oder brünett, blauäugig oder braunäugig waren. Man mag noch so viele Schädel den alteuropäischen Gräbern entreissen, man mag sie messen, wie man will, sie mögen zu den Langköpfen oder zu den Kurzköpfen gehören, kein Anthropologe wird jemals beweisen können, dass dieser oder jener Schädel der vorgeschichtlichen Zeit indogermanisch gesprochen haben müsse. Seitdem es aber eine Geschichte der indogermanischen Völker gibt, hat es immer sowohl langköpflge als kurzköpfige, sowohl blonde als brünette, sowohl braunäugige als blauäugige Menschen gegeben, welche indogermanisch gesprochen haben. Die Indogermanen sind eben nichts anderes als Völker, welche indogermanische Sprachen reden, und es ist ganz und gar sinnlos, von ihnen als von einer Rasse zu sprechen. Alles Gerede von einem „unvermischten Arier", von einem „blonden dolichocephalen Indogermanen" — und mit geradezu unglaublicher Leichtfertigkeit und ohne alle Rücksicht auf wissenschaftlich berechtigte Terminologie, spricht man häufig von „Germanen" als gleichbedeutend mit „Indogermanen", und ein Chamberlain macht sich seinen Begriff eines Germanen in der Weise zurecht, dass er jedem Deutschen, Slaven oder Kelten, der ihm zu Gesicht steht, den Ehrentitel eines „Germanen" zuerkennt und uns ernstlich ermahnt, diesen echten Germanen vom Halbgermanen, Viertelgermanen, x4.chtelgermanen, Sechzehntelgermanen u. s. w. wohl zu unterscheiden — all' das Gerede entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Es ist sinnloses Geschwätz und sonst nichts. Die Indogermanen gehören nicht zu einer „Rasse", sie sind nicht die gemeinsamen Nachkommen eines und desselben Stammes, sondern sie sind Völker mit verwandten Sprachen. Da aber mit der Sprache auf das engste das Denken und die geistige Entwicklung, die gesamte Kultur zusammenhängt, so besteht allerdings eine Verwandtschaft zwischen den indogermanischen Völkern, aber nicht eine Bluts- oder Rassen Verwandtschaft, sondern eine G e i s t e s v e rwa n dt s c h a f t, ein K u 11 u rzusamienlian g. Und was von den Indogermanen gilt, das gilt auch von den sogenannten Semiten. Auch dieser Begriff rührt von der Sprachwissenschaft her. Und semitische Völker sind nichts anderes, als

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