Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1904-01-01 · 1 (1.1904) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
16 (1904)
Issue
1 (1.1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9756662-9603068-9603069--0931-9603091
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

22 Dialekten das Altindische und Altpersische, das Altgriechische und Lateinische und alle die anderen alten indogermanischen Sprachen hervorgegangen sind. Diese ganze über Jahrhunderte sich erstreckende Entwicklung von einer einheitlichen Sprache eines kleinen Volksstammes zu einer in Dialekte gespaltenen, über ein grösseres Gebiet verbreiteten Sprache ist es, welche man in der Kegel als „indogermanische Ursprache" bezeichnet und welche der Sprachforscher zu erschliessen sucht. Von der eigentlichen „Ursprache" aber, wenn man darunter eine einheitliche, zu einer bestimmten uralten Zeit von einem einzigen kleinen Volksstamm gesprochene Sprache versteht, wissen wir nichts. Wen i wir also vom „indogermanischen Urvolk" sprechen, so müssen wir zweierlei unterscheiden : Erstens jenes Volk, welches die eigentliche Ursprache redete, von der wir allerdings nichts wissen, als dass sie einmal existiert haben muss, und andererseits jene Menschen, welche die aus dieser Grundsprache im Laufe von Jahrhunderten hervorgegangenen Dialekte sprachen, aus welchen sich die indogermanischen Einzelsprachen entwickelt haben. Nun ist es ja möglich,' dass diese Menschen die Nachkommen jenes kleinen Volksstammes waren, welcher zuerst das Urindogermanische redete. Aber sicher ist dies keineswegs. Ja es ist (wenn wir aus ähnlichen Fällen in geschichtlicher Zeit Rückschlüsse machen dürfen) sogar wahrscheinlicher, dass die indogermanische Ursprache in ihrer Weiterentwicklung sich zu anderen Völkern und Stämmen verbreitete und deren Sprachen verdrängte. Ob das ind germanische Urvolk — d. h. die Sprecher der verschiedenen Entwicklungsphasen des Urindogermanischen — ein einheitliches Volk oder gar eine einheitliche Rasse darstellt, ist höchst zweifelhaft. Unisomehr zweifelhaft ist es, ub die indogermanischen Völker ebenso verwandt sind, wie die indogermanischen Sprachen und ob — wie man dies so häufig glaubt — die Indogermanen von einem angenommenen indogermanischen Urvolk ebenso abstammen, wie die einzelnen indogermanischen Sprachen von der erschlossenen Ursprache abgeleitet werden. Gewöhnlich pflegte man ja aus der Verwandtschaft der Sprachen ohneweiters auf die Verwandtschaft (und zwar die Blutsverwandtschaft oder Rassenverwandtschaft) der lud igermanen zu schliessen. Nach dem, was ich heute hier über die Begriffe „Rasse-4 und „Volk-1 auseinandergesetzt habe, ist es klar, dass von einer indogermanischen Rasse zu reden ganz und gar sinnlos ist. Das indogermanische Urvolk ist blos aus der indogermanischen Ursprache erschlossen. Da wir aber gesehen haben, dass die Sprache mit der Rasse nichts zu tun hat, so kann von diesem indogermanischen Urvolk auch nicht als von einer Rasse die Rede sein. Wenn aber auch jener kleine Volksstamm, von dem die eigentliche indogermanische Grundsprache gesprochen wurde, noch eine einzige Rasse gebildet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.