Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 steht durch die Gemeinsamkeit der Sitten und Bräuche und vor allem der Erziehung. Dass die Kinder von Deutschen in E n g- 1 a n d von echten Engländern kaum zu unterscheiden sind, gleichgiltig ob sie aus gemischten Ehen stammen oder ob beide Eltern deutsch sind, dass in Amerika die Nachkommen von Irländern, Skandinaviern, Deutschen erstaunlich rasch zu echten Amerikanern werden, erklärt sich nur aus dem Einfluss von gemeinsamen Sitten und Bräuchen und Ideen, aus der Gemeinsamkeit der geistigen und moralischen Atmosphäre, aus dem, was amerikanische Soziologen als „Social Assimilation" bezeichnen. Die „Rasse" hat mit dieser Bildung einer nationalen Eigenart sehr wenig zu tun und von einer „amerikanischen Rasse" zu sprechen, hätte keinen Sinn. Wenn man aber jedes Volk und jedes Völkchen, welches eine nationale Eigenart besitzt, als „Rasse" bezeichnen wollte, dann gibt es nicht 12 oder 20 oder 30 Rassen, wie sie die Anthropologen aufzustellen suchen, sondern die Zahl der Menschenrassen wäre Legion, es müsste dann hunderte und tausende von „Rassen" geben. Denn jede Gegend, jedes Städtchen, jedes Dorf hat seine ganz bestimmte Individualität; jede Gesellschaftsklasse, jeder Stand, jede Religionsgenossenschaft hat ihre Eigenart, ihre Individualität. Und noch mehr, auch H e i r a t e n finden in der Regel am zahlreichsten zwischen den Bewohnern einer und derselben Gegend, zwischen Angehörigen desselben Standes, der gleichen Gesellschaftsklasse und zwischen Bekennern derselben Religion statt. Und wenn man jedes Volk und jedes Völkchen zu einer eigenen „Rasse" macht, so kann man mit demselben Rechte die Bewohner jeder Stadt und jedes Städtchens, die Angehörigen eines Standes, sowie die Bekenner einer Religion als „Rasse" bezeichnen. Wenn Sie aber, geehrte Damen und Herren, meinen Ausführungen soweit gefolgt sind, so wird es Ihnen klar sein, wie häufig der Ausdruck „Rasse" gebraucht wird, wo von „Rasse" im wissenschaftlichen Sinne gar keine Rede sein kann. Man spricht von „Rassenhass", wo es sich gar nicht um verschiedene Rassen handelt. Was man gewöhnlich als „Rassenhass" bezeichnet und wie ein Naturphänomen betrachtet, vor dem der Menschenfreund wie vor einem Elementarereignis machtlos dasteht, ist in Wirklichkeit nichts als Dünkel, Eigenliebe und Denkträgheit. Dieser sogenannte „Rassenhass" findet sich sehr oft zwischen Menschen, die durchaus nicht verschiedenen Rassen angehören, ja zwischen Menschen, die sich sowohl in Bezug auf Rasse als auch in Bezug auf Nationalität sehr nahe stehen. Wer weiss es nicht, dass der Chauvinismus am stärksten ist bei Leuten, deren Abstammung durchaus nicht über jeden Zweifel erhaben ist? Wenn wir in ein fremdes Land kommen, ist es nicht die Hautfarbe, nicht die Physiognomie, nicht der verschiedene Rassentypus, überhaupt nicht die verschiedene körperliche Erscheinung, was uns zuerst unangenehm auffällt und jenes