Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Da das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit ein wesentliches Element in dem Begriff „Volk*' bildet, so hat es auch einen guten Sinn, von „Nationalgefühl" zu sprechen, ein Gefühl, welches alle diejenigen besitzen können, welche an den geistigen Schätzen eines grossen Volkes teil haben und zur Vermehrung dieser Schätze ernstlich und redlich beitragen. Unsinn aber ist es, und nichts als Unsinn, wenn man von einem „Rassenbew u s s t s e i n" spricht, wenn z. B. Sehe m a n n (der Uebersetzer des Werkes „Ueber die Ungleichheit der Menschenrassen ' von dem phantasievollen Grafen Gobineau) erklärt: ,.Das Rassenbewusstsein ist das unentbehrliche Komplement des Nationalgefühles der höheren Naturen-4, und wenn er davon spricht, dass es notwendig sei, den „dazu in erster Linie Berufenen ein höheres Rassenbewusstsein" einzuprägen. Eine leere, hohle, nichtssagende Phrase ist es, wenn H. St. Chamberlai n erklärt: „Unmittelbar und überzeugend wie nichts anderes ist der Besitz von Rasse im eigenen Bewusstsein." Phrase ist es, wenn er hinzufügt: „Wer einer ausgesprochenen, reinen Rasse angehört, empfindet es täglich." Man kann nicht ein Bewusstsein von etwas haben, was man nicht weiss; und da niemand, ohne den Anthropologen zu befragen, wissen kann, zu welcher Rasse oder Unterrasse er gehört, so kann auch niemand ein „Rassenbewusstsein" haben. Man kann nicht etwas „täglich empfinden", was man gar nicht wissen kann. „Im eigenen Bewusstsein" kann ich < ine Idee, eine Vorstellung, ein Gefühl, eine Empfindung haben, aber ich kann nicht eine rein physiologisc! e Tatsache, wie es die A b s t a m m u n g ist, „im eigenen Bewusstsein" finden wollen. Und wenn Chamberlai n sich über alle wissenschaftlichen Definitionen kühn hinwegsetzt und stolz erklärt : „Ohne mich um eine Definition zu kümmern, habe ich Rasse im eigenen Busen, in den Hochtaten der Genies, auf den glänzenden Blättern der Menschengeschichte nachgewiesen", so behaupte ich: Im eigenen Busen kann Oha mbe riain höchstens den Rassen d ü n k e 1, aber niemals „die Rasse" entdecken. Freilich ist es sehr leicht, wenn man sich um keine Definition kümmert, alles nachzuweisen. Wenn man aber unter „Rasse" das verstellt, was der Anthropologe darunter versteht, was man in wissenschaftlichem Sinne allein darunter verstehen kann, dann haben die „Hochtaten der Genies" mit „Rasse" nichts zu thun. Dann wird man auch „auf den glänzenden Blättern der Menschengeschichte" die Taten und Geschicke aller Völker, welcher Rasse auch immer sie angehören mögen, ohne Liebe und ohne Hass verzeichnet finden. So wie man „Rasse" und „Volk" nicht verwechseln darf, so sind auch der Rassencharakter und die nationale Eigenart zwei verschiedene Dinge. Der Rassencharakter beruht ausschliesslich auf ererbten Eigenschaften; die nationale Eigenart auf geistiger und kultureller Gemeinsamkeit; sie ent- *2