Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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18 haben, welche eine gemeinsame Sprache reden und eine gemeinsame Kultur besitzen und von denen jeder Einzelne das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu eben dieser Gemeinschaft hat. Diese Menschen, welche ein Volk bilden, können auch von gemeinsamen Ahnen abstammen; es ist dies aber keine notwendige Bedingung für die Volkszugehörigkeit. Menschen, welche zu einem Volke gehören, können ererbte gleiche Körpereigentümlichkeiten haben, aber es können auch Menschen, welche in Physiognomie und Körperbau verschieden sind, e i n Volk bilden, und dies ist auch tatsächlich meistens der Fall. Mit anderen Worten: Menschen von verschiedenen Rassen oder Stämmen (oder Unterrassen) können zu einem Volke gehören. Es ist von allergrösster Wichtigkeit, die Begriffe ,.Rasse" und „V o 1 k" streng auseinander zu halten. Nichts hat soviel Unheil gestiftet, nichts ist so verwirrend und irreführend, als die Verwechslung dieser beiden Begriffe. „Rasse" ist ein rein naturgeschichtlicher Ausdruck und bezeichnet eine durch bestimmte körperliche Merkmale gekennzeichnete Abteilung der Menschheit. Menschen/welche zur selben Rasse gehören, können in ganz verschiedenen Gegenden wohnen, brauchen keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsamen Interessen, keine gemeinsame Geschichte und keine gemeinsame Kultur zu haben. Nur der Umstand, dass die Menschen, welche zu einer und derselben Rasse gehören, in ihrem Körperbau grössere Uebereinstimmuugen zeigen, deutet darauf hin, dass sie in sehr ferner Vergangenheit einmal gemeinsame Vorfahren hatten. Die Rasse ist eine vom Naturforscher, vom Anthropologen aufgeste lte Abteilung der Menschheit. Hingegen ist „Volk" eine Vereinigung von Menschen, welche durch das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und durch Gemeinsamkeit der Sprache und der Kultur zusammengehalten werden. Zu welcher Rasse oder Unterabteilung einer Rasse ein Mensch gehört, braucht er selber gar nicht zu wissen und wenige Menschen wissen es auch mit Bestimmtheit. Wenn ich wissen will, ob ein Mensch ein Deutscher, oder ein Tscheche, ein Ungar, oder ein Engländer, oder ein Franzose ist, so muss ich ihn selbst fragen. Wenn ich aber wissen will, zu welcher Rasse er gehört, so muss ich seine Hautfarbe, seine Haare, seine Augen, seine Nase und seine ganze Körperbildung genau untersuchen und mit dem Massstab und eigenen anthropologischen Messinstrumenten seinen Schädel, seinen Gesichtswinkel, seinen Körper messen. Die Rassenmerkmale sind ererbt und angeboren; das Volkstum hingegen, die Nationalität, ist etwas Erworbenes, ist nicht angeboren und braucht sich auch nicht zu vererben. Wer immer an dem Kulturfortschritt eines Volkes mitarbeitet, der gehört zu dem Volke, gleichgiltig, ob seine Nase schmal oder breit, ob sein Gesicht kurz oder lang, ob seine Haare schwarz oder blond, ob seine Haut hell oder dunkel ist.