Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9756662-9603068-9603069--0926-9603086- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17 Gewöhnlich glauben auch die Angehörigen eines Volkes, dass sie von gemeinsamen Vorahnen abstammen. Das ist aber nur bis zu einem gewissen Grade, nur in beschränktem Sinne der Fall. Zwischen Menschen, welche längere Zeit beisammen wohnen und ein Volk bilden, finden allerdings immer Heiraten statt und es werden Kinder erzeugt, und es erklärt sich daraus eine gewisse Aehnlichkeit der Physiognomie und des Körperbaues zwischen den Angehörigen eines Volkes. Allein Völkerkunde und Geschichte lehren uns, dass es schwerlich ein einziges Volk auf der Erde gibt, welches aus Nachkommen eines und desselben Stammes, einer und derselben Familie oder Sippe besteht. Sie belehren uns, dass zu allen Zeiten Wanderungen stattgefunden haben, infolge deren die Bevölkerung eines Landes, oder einer Gegend häufig gewechselt hat; sie belehren uns, dass infolge von Kriegen unzählige Male Völker verschiedener Rassen und Stämme durcheinander gewirbelt und schliesslich zu einem Volke vereinigt wurden, dass infolge der Sklaverei und der Viel weiberei Vermischungen zwischen Abkömmlingen der verschiedensten Rassen und Stämme stattgefunden haben; und dass schliesslich auch der friedliche Handelsverkehr Völker der verschiedensten Abstammung und der entferntesten Gegenden einander nahebrachte und zu Vermischungen führte. Daraus folgt auch, dass die gemeinsame Abstammung für die Zugehörigkeit zu einem Volke durchaus nicht wesentlich ist und dass es in den meisten Fällen pure Einbildung ist, wenn Angehörige eines Volkes glauben, dass sie dieselben Vorfahren haben, oder dass sie — wie man so oft hört — desselben Blutes sind. Kein Mensch weiss, was für Blut in seinen Adern rollt. Ein kleines Rechenexempel kann zeigen, wie unwahrscheinlich es ist, dass irgend ein Volk eine sogenannte „reine Rasse" darstellt, d. h. dass Angehörige eines Volkes durch Jahrtausende, oder auch nur durch Jahrhunderte hindurch ihren Stammbaum rein erhalten haben. Wenn wir bedenken, dass jeder Mensch einen Vater und eine Mutter hat, und dass ungefähr drei Generationen auf ein Jahrhundert kommen, so hat jeder von uns — wie Sie sich leicht ausrechnen können — in tausend Jahren, d. h. in 30 Generationen, die hübsche Zahl von 1074 Millionen Vorfahren. Wie unendlich gering ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter diesen 1074 Millionen kein fremdes Blut befindet! Während also gemeinsame Abstammung für den Begriff „Volk" ein nebensächliches Element ist, sind gemeinsame Sprache und gemeinsame Kultur und das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wirklich unerlässlich für die Zugehörigkeit zu einem Volke. Wir verstehen also unter „Volk" eine Gemeinschaft von Menschen, welche beisammen wohnen, oder doch in nicht allzu ferner Zeit beisammen wohnten, und darum auch gemeinsame Interessen verfolgen und gleiche Schicksale erleben oder erlebt