Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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IÖ gegeben haben, ja gerade derjenigen, die sich am emstlichsten und am eifrigsten bemüht haben, Rassen unterschiede aufzufinden. Dieselbe Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts ist aber nicht bloss ein sicheres, wissenschaftliches Ergebnis der Rassenkunde, sondern sie wird auch durch den zweiten Zweig der Wissenschaft vom Menschen, durch die Ethnologie oder Völkerkunde vollauf bestätigt, ja sie bildet die unentbehrliche Voraussetzung dieser Wissenschaft. Dieser Wissenschaftszweig, die Völkerkunde, beschäftigt sich mit dem Menschen als einem gesellschaftlichen Wesen, mit dem Menschen, insoferne er Glied einer Gesellschaft, einer Vereinigung von Individuen, eines Volkes ist; und sie beschäftigt sich mit diesen Vereinigungen von Menschen, mit den Völkern selbst. Im Leben der Völker aber und im gegenseitigen Verhältnis der Menschen innerhalb einer Gesellschaft sind es nicht die körperlichen Merkmale und Eigentümlichkeiten, welche vor allem in Betracht kommen, sondern vielmehr die geistigen Eigenschaften der Menschen. Darum beschäftigt sich die Völkerkunde vor allem — und im Gegensatze zur Rassenkunde — mit dem Menschen als einem geistigen, einem denkenden und fühlenden Wesen. Darum beruht auch der Begriff „Volk'' auf geistigen Eigenschaften, auf einer geistigen Zusammengehörigkeit. Denn was verstehen wir unter ,.Volk"? Ein Volk ist zunächst eine Vereinigung von Menschen, welche das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit haben, welche sich als Zusammengehörige fühlen. Und zwar sind es verschiedene Elemente, welche dazu beitragen, dass dieses Bewusstsein der Zusammengehörigkeit entsteht. Vor allem ist es notwendig, dass Menschen, um eine solche Vereinigung zu bilden, beisammen oder doch nicht zu weit entfernt von einander wohnen. Denn nur dann ist es möglich, dass sie gemeinsame Interessen haben, dass sie durch dieselben sozialen Einrichtungen zusammengehalten werden, dass sie gemeinsame Schicksale erleben, d. h. eine gemeinsame Geschichte besitzen. Diese Menschen müssen sich ferner miteinander verständigen können, d. h. sie müssen eine gemeinsame Sprache reden. Die Sprache hängt aber mit dem Denken so enge zusammen, dass Menschen, welche dieselbe Sprache reden, auch in ihrem ganzen Denken, in ihrer Geistesrichtung vieles Gemeinsame haben werden. Sobald nun Menschen beisammen wohnen und dieselbe Sprache reden, vereinigen sie sich stets auch zu gemeinsamer Tätigkeit; und das Ergebnis dieser gemeinsamen Tätigkeit ist das, was wir Kultur nennen. Das Bewusstsein, eine gemeinsame Kultur zu besitzen, an dem gemeinsamen Kulturfortschritt mitzuarbeiten und mitgearbeitet zu haben, ist eines der wichtigsten Dinge, welches die Mitglieder eines Volkes zusammenhält.