Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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15 als man bei oberflächlicher Betrachtung glaubt. Auf den ersten Blick glaubt der Beobachter fremder Rassen: das sind ganz verschiedenere Wesen als wir. Bei genauer Untersuchung sieht er, dass sie trotz aller Verschiedenheiten von einer Art mit uns sind. Mit anderen Worten : alle Versuche, die Menschheit in Rassen einzuteilen, führen zu der Ueberzeugung von der Einheit des Menschengeschlechtes, einer Ueberzeugung, welche von allen hervorragenden Anthropologen geteilt wird. Johannes Ranke, selbst eine der ersten Autoritäten auf dem Gebiete der physischen Anthropologie, zitiert die Aussprüche von Vertretern der verschiedensten naturwissenschaftlichen Standpunkte, des entschiedenen Darwinianers Kollmann, des entschiedenen Gegners des Darwinismus, K. E. v. B a e r, und des seine eigenen Wege gehenden Naturforschers V i r c h o w, um zu beweisen, dass alle selbständig über den Menschen forschenden und anatomisch geschulten Anthropologen in Bezug auf die Annahme der Einheit des Menschengeschlechtes Einer Meinung sind. So sagt Prof. Kollraann: »Von urteilsfähigen Beobachtern habe ich wiederholt bei den Schaustellungen der Lappländer oder der Indianer das Urteil gehört, es seien einfach maskierte Schwaben oder Bayern, obwohl die Echtheit, von den berufensten Ethnologen festgestellt, ausser Zweifel war. Das ist ein deutlicher Fingerzeig, wie auffallend gering der Unterschied selbst sehr diffe renter sogenannter Rassen ist ... Um die Unterschiede innerhalb des Menschengeschlechtes zu klassifizieren, genügen vollauf zunächst die Begriffe von Subspecies und Varietät, Unterart und Spielart." Und Rud. V i r c h o w, der sich sein Leben lang mit der Unterscheidung von Menschenrassen beschäftigt hat, drückt sich etwas zweifelnd aus, gesteht aber doch, dass er eine gewisse Neigung habe, sich trotz aller Erfahrung, trotz aller Analyse für den Gedanken der Einheit des Menschengeschlechtes zu begeistern. „Ich will zugestehen (fügt er hinzu), , dass dabei im Hintergrunde ein traditioneller, vielleicht ein sentimentaler Gedanke liegt, und doch kann ich mich, wenn ich die gesammte Geschichte der Menschheit übersehe, nicht der Vorstellung enthalten, dass wir wirklich Brüder, beziehentlich Schwestern sind. Ich finde (schliesst V i r c h o w) keine so grossen Unterschiede zwischen den verschiedenen Rassen, dass ich mir getraute, die Vorstellung von einer ursprünglichen Differenz des Menschengeschlechtes in so bestimmter Weise zu präzisieren." Es kann nicht scharf genug hervorgehoben werden, dass die Annahme der Einheit des Menschengeschlechtes durchaus nicht, wie Chamberlain behauptet, „eine jeder materiellen Grundlage entbehrende, persönliche, subjektive Ueberzeugung" ist, sondern die auf eingehendste naturwissenschaftliche Untersuchungen gegründete Ueberzeugung der hervorragendsten Anthropologen, die sich ihr Leben lang mit Rassenforschung ab-