Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 manclie Eigenschaften der Mutter und manche Eigenschaften des Vaters. Und in welcher Mischung sich diese Eigenschaften vererben, was für Eigenschaften sich auf die Kinder vererben, darüber haben wir gar keine Kontrolle. Daher kommen unzählige Male körperliche Vorzüge mit geistigen und sittlichen Mängeln vereint vor. Die Erfahrung zeigt, dass nicht einmal das Sprichwort „mens sana in corpore sano;' (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) ganz den Tatsachen entspricht, dass gar oft in einem zerrütteten und schwächlichen Körper eine starke und edle Seele und ein tüchtiger Verstand wohnt. Noch häufiger belehrt uns die Erfahrung, dass ein Mensch so Mramm gewachsen wie ein preussischer Grenadier und doch beschränkten Verstandes und moralisch verkommen sein kann, und andererseits zeigt uns die Erfahrung oft genug körperlich sehr mangelhafte Menschen, die sich durch hohe Geistesgaben und sittliche Vollkommenheit auszeichnen. Diese Tatsachen sind so olfenkundig, dass es fast lächerlich erscheint, erst daran erinnern zu müssen; und doch kümmern sich unsere Rassentheoretiker um diese Tatsachen gar nicht. Sie bauen ihre luftigen Theorien von Bassenzüchtung auf, als ob jedes Kind ein getreues Ebenbild des Vaters wäre (um die Mutter kümmern sie sich gewöhnlich weniger) und alle Eigenschaften desselben erben müsste. Darum haben alle Lehren, die auf Rassenzüchtung bei dem Menschen abzielen, etwas unendlich Komisches an sich, wenn sich auch Chamberlain und Genossen noch so ernsthaft auf die Pferde- und Hundezüchter berufen. Der Pferde- oder Hundezüchter weiss genau, was.er will; *»r will einige wenige ganz bestimmte Eigenschaften von Tieren, die eigens zu diesem Zwecke sorgfältig ausgewählt sind, fortpflanzen. Der Mensch ist aber schliesslich, namentlich in geistiger Beziehung, doch ein unendlich viel komplizierteres Wesen als irgend ein Pferd oder ein Hund, und wenn es überhaupt einen Menschenzüchter geben könnte — ich wüsste zwar nicht, wer sich vermessen dürfte, die Rolle eines solchen Menschenzüchters zu spielen — so würde es ihm unzählige Male passieren, dass sich aus einem Komplex von vererbbaren Eigenschaften gerade jene fortsetzen würden, deren Fortpflanzung er nicht beabsichtigt hat. Ich kann mir einen tüchtigen, genialen Menschen denken, der vielleicht auch alle Vorzüge des Chamberlain'schen „Germanen" in sich vereinigt, der aber zufällig mit einem erblichen Augenleiden behaftet ist, und ich kann mir denken, dass dieser Mensch weder sein Genie, noch alle seine körperlichen Vorzüge, wohl aber sein Augenleiden auf seine Nachkommen vererbt. Solche Fälle kommen vor. Es ist ja eine allgemein bekannte Tatsache, dass die Söhne genialer Menschen selten ihrem Vater gleichen. Das heisst nichts anderes, als dass diese Söhne manche andere Eigenschaften ihres Vaters, nicht aber seine Genialität geerbt haben. Dass die Erblichkeit nur eine teilweise ist und dass ein Kind oft manche Eigenschaften von der Mutter, manche vom