Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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rufen, welche eine vorgefasste Meinung durch Gründe der Logik und der Wissenschaft nicht zu stützen vermögen. Bis in das vorige Jahrhundert hinein haben die Sklavenhändler sich mit Vorliebe auf die Natur berufen, welche Sklaven und Herren geschaffen habe und die Sklaverei gerechtfertigt erscheinen lasse. Und noch heute berufen sich diejenigen, welche die Rechtlosigkeit und Minderwertigkeit der Frau behaupten, wenn Logik und Wissenschaft sie im Stiche lassen, auf die Natur, welche, kaum als eine gute Mutter, das Weib zu einem rechtlosen und minderwertigen Wesen gestempelt habe. Die Natur ist willig, mit der Natur lässt sich alles beweisen. Und wer mit den Ausdrücken „Natur'' und „natürlich" etwas beweisen will, gegen den liegt stets der Verdacht vor, dass er eine schwache Position zu verteidigen hat. Nein, die Wissenschaft ist nicht ein edles Spielzeug, sondern die einzige Instanz, die einzige Richterin, welche über wahr und unwahr zu entscheiden hat. Ich halte es für die Quelle der verhängnisvollsten Verirrungen unserer Zeit, dass die Wissenschaft zu wenig befragt wird, dass Staatsmänner und Volksführer von Rassen und Völkern sprechen, ohne eine Ahnung davon zu haben, was die Wissenschaft über Rassen und Völker lehrt. Die Wissenschaft aber, welche sich ausschliesslich und recht eigentlich mit Rassen und Völkern beschäftigt, ist die Wissenschaft vom Menschen, die Anthropologie im weitesten Sinne des Wortes, mit ihren beiden grossen Abzweigungen, der sogenannten physischen Anthropologie und der Ethnologie oder Völkerkunde. Der Gegenstand beider dieser Wissenszweige ist der Mensch, der entweder als Naturwesen nach seiner körperlichen Beschaffenheit, oder als soziales Wesen nach seinen geistigen Eigenschaften erforscht wird. Zunächst ist ja der Mensch ein Naturwesen mit gewissen körperlichen Merkmalen, ein Wesen, welches wie jedes Tier und jede Pflanze einen Platz im grossen Reiche der Natur einnimmt. Mit dem Menschen als einem Naturwesen beschäftigt sich der erste Zweig der Wissenschaft vom Menschen, die physische Anthropologie. Diese schliesst sich unmittelbar an die Zoologie und Anatomie an und betrachtet den Menschen genau so, wie der Zoologe die Tierwelt und wie der Botaniker die Pflanzenwelt. Der Anthropologe erforscht den Menschen als eine Säugetierart und sucht sein Verhältnis zu den übrigen Säugetieren zu bestimmen. Er beschäftigt sich daher insbesondere mit den körperlichen Eigenschaften des Menschen, seinem Knochenbau, seiner Gesichtsbildung, seiner Hautfarbe, seinem Haarwuchs, seinen Grössenverhältnissen etc.. und teilt die gesamte Menschheit auf Grund solcher körperlicher Merkmale in eine grössere oder geringere Anzahl von Gruppen, Rassen ein. Er bemüht sich, das Verhältnis der Menschenrassen zu einander, ihre Entstehung und Verbreitung über die Erde zu erforschen. So wird die physische Anthropologie zur Rassenkunde.