Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Wir werden also von Pattai's Gnaden auch fernerhin in diesem Staate leben und uns betätigen dürfen. Nur jener „unermessliche Einfluss", welcher uns seit Jahrzehnten verhindert, die Vorteile einer papierenen Gleichberechtigung zu gemessen, jener „unermessliche Einfluss", der uns alle Aemter staatlicher und autonomer Behörden verschliesst, jener „unermessliche Einfluss", der das Parlament zu einer Reihe der drückendsten gesetzlichen Beschränkungen des jüdischen Erwerbslebens bestimmt hat, soll in Zukunft einigermasseu eingeengt werden. Ueber die Berechtigung dieser Forderung wollen wir mit Herrn Dr. Pattai so wenig polemisieren, wie über die Eichtigkeit der Behauptung, dass die jüdische Kultur nur ein Pfropfreis auf der christlichen Kultur sei. Wir überlassen eine solche Polemik den Alldeutschen, die ja vor nicht langer Zeit die Waffengenossen Dr. Pattai's waren und die das Christentum deshalb bekämpfen, weil sie in demselben nur einen Schössling altjüdischer Kultur erblicken. Zum erstenmale begegnen wir in einer christlich-sozialen Manifestation der Auffassung, dass der angeblich dominierende Einfluss der Juden auf Staat und Gesellschaft nicht ihren sogenannten Kasseeigentümlichkeiten, sondern ihrem eminenten Bildungsstreben, ihrem offenen Sinn für die Ergebnisse der Wissenschaft, ihrem durch die schönen Künste veredelten Geschmacke zuzuschreiben ist. „Die Juden", sagt Dr. Pattai, „überwiegen auf der Universität in Lehrern und Schülern, sie überwiegen an Zahl und Wortfiihrung in der Kunst, sie okkupieren unsere Hör- und Schausäle, ja die sämtlichen Versammlungsorte feinerer Gesellschaft teils in faktischer Mehrheit, teils in unglaublicher Ueberzahl gegenüber dem Populationsverhältnisse". Dem gegenüber gesteht Dr. Pattai, „dass schon in der christlichen Jugend von heute eine gewisse Lethargie platz greift, die sie früher nicht in diesem Grade erreicht hatte; die Seminarien der Universität, sowie ihre Bibliotheksräume sind fast verlassen von Jüngern unseres Stammes. Höchstens die Sportplätze sind noch besucht und auch da tun es uns die Juden, den Wert der Leibesübung erkennend, schon bald zuvor. Noch auffallender ist das Missverhältnis der Erwachsenen des Mittelstandes. In einer gesellschaftlichen Position, in der sich der christliche Geschäftsmann höchstens das Gasthaus und die möglichst sesshafte Landpartie gönnt, besucht der Jude Vorlesungen und Theater oder bildet sich auf der Reise." Herr Pattai hat niemals den Ehrgeiz gehabt, als Wahrheitsfanatiker zu gelten. Er stellt uns dieses glänzende Wohlverhaltungszeugniss auch nicht deshalb aus, weil es ihm um die Wahrheit zu tun ist, sondern zum Zwecke einer erziehlichen Wirkung auf die Heerschar vom „goldenen Luchsen" und von der „blauen Bretze". Es hat den Anschein, als ob dem Salonantisemiten, dem vornehm tuenden Rechtsanwalt und manchem seiner Genossen die Gefolgschaft derer von der Gasse und der Gosse unbequem ge-