Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union. Nr. I. " Wien, Mitte Jänner 1904. 16. Jahrgang. Christlich-soziale Neujahrsgeständnisse. Die Partei der blutigsten Ritualmordhetze gelüstet es nach einem Trünke aus dem castalischen Quell. In der Neujahrsnummer des „Deutschen Volksblatt" veröffentlichte Dr. Robert Pattai, der seit Jahren bemüht ist, die Roheit der Gesinnung unter dem künstlichen Faltenwurfe salonfähiger Formen zu verbergen, einen Artikel, der eine Fülle der interessantesten Geständnisse und Wünsche enthält. Dr. Pattai ist mit der beherrschenden Stellung, welche die christlich-soziale Partei in Wien und Niederösterreich sowohl auf sozialem und wirtschaftlichem als auf dem Gebiete der Verwaltung errungen hat, nicht zufrieden. Er konstatiert, dass der Partei noch etwas in ihrer Position abgehe, was ihr von rechtswegen gebühre. Er umschreibt dies „etwas" mit gewundenen Phrasen, er scheut sich, seinen Parteigenossen die nackte Wahrheit zu gestehen, dass es die Achtung aller gebildeten und anständigen Leute ist, die der christlich-sozialen Partei bisher vorenthalten wurde. Natürlich ist auch an dieser Nichtachtung der „unermessliche jüdische Einfluss" schuld, den die Partei trotz eines erbitterten zwanzigjährigen Kampfes noch immer nicht zu beseitigen vermochte. Ja mehr als das! Der Salonantisemit Pattai sagt es seinen radau-antisemitischen Genossen offen heraus, dass sie „das Judentum überhaupt nicht vernichten werden", sondern sich lediglich damit begnügen müssen, „jenen ungesunden Zustand zu beseitigen, in dem die Christlich-Sozialen in den 80er Jahren Staat und Gesellschaft als eine unbedingte Domäne des Judentums trafen." Wenn Herr Lueger einmal unseren Glaubensgenossen nur die Alternative Hess, sich hängen oder köpfen zu lassen, wenn Herr Schneider von einem Schussgeld auf Juden träumte, wenn das „Deutsche Volksblatt'4 dafür plaidierte, dass man alle Juden in der Donau ersäufe, so ist Herr Pattai milder und menschlicher gestimmt. Er will den Juden nur zum Bewusstsein bringen, dass sie die Minderheit sind, dass ihre Kultur von heute nur ein Pfropfreis auf der christlichen Kultur sei und dass sie sich daher ihren Gesetzen zu fügen, nicht solche vorzuschreiben haben.