Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 12 (12.1903)
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3 hörige, wo es sich um Agitationen gegen die derzeitige Gesellschafts¬ und Wirtschaftsordnung handelt, da verfügen die Staatsanwälte noch immer skrupellos und mit der grössten Raschheit die Beschlagnahme der betreffenden Zeitungen. Wo aber Lehren und Einrichtungen der jüdischen Religionsgenossenschaft, wo die Ehre des Judentums oder seiner einzelnen Bekenner, wo die wirtschaftliche Existenz jüdischer Geschäftsleute durch die Aufforderung zum Boykott angegriffen, herabgewürdigt und gefährdet werden, da gefallen sich unsere Staatsanwälte in einer merkwürdig liberalen Auslegung der Gesetze und in einer ebenso merkwürdig laxen Handhabung des objektiven Verfahrens. Die Zügellosigkeit der antisemitischen Heupresse ist auf solche Weise zu unerträglicher Höhe angewachsen. Insbesondere vor Weihnachten wird von den Antisemiten in ganz Oesterreich ein wilder Hexensabbath gegen die Juden aufgeführt. Trotz mehrfach entgegenstehender Plenarentscheidungen des Obersten Gerichtshofes wird die christliche Bevölkerung ungeniert und ungestraft zum geschäftlichen Boykott der Juden aufgereizt. Man veranstaltet Versammlungen, in denen es selbst geistliche Hetzer nicht unter ihrer Würde finden, die Ehre der jüdischen Kaufleute zu besudeln und die streng wirtschaftliche Scheidung der Konfessionen zu predigen, ohne dass es den anwesenden Regierungsvertretern einfiele, gegen solche Gesetzwidrigkeiten Einsprache zu erheben. In den letzten Tagen ist uns ein ganzer Stoss antisemitischer Hetzliteratur mit unerhörten Verleumdungen und Anfeindungen der Juden zugegangen, aus der wir die folgenden Stellen citiren: Die „Nordböhmische Volkszeitung" zu Tetscheu-Bodenbach schreibt in Nr. 94 vom 25. November 1903 unter dem Titel „Mahnruf zur Weihnachtszeit" : „Spott und Hohn haben jüdische Zungen ausgeschüttet über unser höchstes und heiligstes Fest. Wie der Jude das Christentum nicht achtet, wie er alles, was den volkstümlichen Gedanken eines anderen Volkes wiedergibt, lästert und schmäht, so ist ihm auch unser Weihnachtsfest mit den Empfindungen, die wir daran knüpfen, doppelt ein Stachel... Und z u r W e i h n a c h t s z e i t wollt Ihr beimJuden kaufen? Fühlt Ihr denn nicht, wie ein Christgeschenk, das vom Juden stammt, das durch die Hand eines Juden gegangen ist, entweiht ist? Gibt es denn kein deutsches Geschäft mehr, so dass Ihr zum Juden laufen müsst?" Die „Deutsche Volkswehr" in Budweis schreibt unter dem 17. Oktober 1903 : „Das jüdische Volk ist ein unversöhnlicherFeind jedes anderen Volkes. Jeder, der Ohren hat, zu hören, und Augen, zu sehen, kann erkennen, wie viel das Judentum unserem Volke schaden mussr weil Geschichte und Glaube jeden einzelnen zu einem schlauen und unversöhnlichen Gegner des Deutschen erziehen. Eine Partei, von Juden geleitet, wird wohl immer das Ziel verfolgen, uns „Heidenhunde", uns „Gois" zu Knechten, zu Sklaven Israels zu machen". Die „Z wittauer Nachrichten" vom 28. November 1903 kündigen eine Eubrik an, in welcher alle jene namentlich veröffentlicht werden sollen, die ihrenBedarfbei j ü d i s c h e n Firmen decken. Dieselbe Nummer enthält ein „Zwiegespräc h", in welchem behauptet wird, dass die Leute sich in jüdischen Geschäften schon oft genug betrogen haben, dass genug Beweise aus der