Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 10 (10.1903)
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 10 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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russische Regierung die grössten Anstrengungen gemacht, eine sozialistische Maifeier zu verhindern. Das Mittel, um hierzu zu gelangen, bestand darin, dass man jüdische und christliche Arbeiter gegeneinander aufzuhetzen suchte. Die christlichen Arbeiter sind meistens bei der Eisenbahn angestellt. Man bewilligte ihnen eine Reihe von Erleichterungen, wenn sie das Versprechen abgeben wollten, am 1. Mai nicht zu demonstrieren. Da auch die Juden sich durchaus ruhig verhielten, so ist der 1. Mai ungestört verlaufen. Die Wirkung der Haltung der Regierung war aber die, dass sich ein gewisses gespanntes Verhältnis zwischen den jüdischen und den russischen Arbeitern herauszubilden begann, freilich nicht auf natürlichem Wege, aber dadurch, dass die russische Regierung Agenten unter die Arbeiter gesteckt hatte, die diese s}7stematisch gegen die Juden aufzuhetzen sich angelegen sein liessen. Die Stimmung wurde allmählich immer bedrohlicher, und die Eolge war, dass die jüdische Bevölkerung, die bis dahin in bestem Einvernehmen mit dem anderen Teil der Stadtbevölkerung gestanden hatte, Besorgnisse zu hegen begann. Nachdem die fürchterlichen Ereignisse in Kischenew sich abgespielt hatten, versah sich ein Teil der Juden auch mit Waffen. Der Regierungsbehörde war diese Tatsache wohlbekannt, und ich weiss bestimmt, dass man unter diesen Umständen bei den Behörden nur nach einem Anlass suchte, um einerseits den Juden eine Lektion zu erteilen und andererseits zugleich zu ihrer Entwaffnung zu schreiten. Dies die Basis der Ereignisse. Die Ereignisse selbst spielten sich alsdann in meiner Gegenwart in folgender Weise ab: Am 11. September fand Wochenmarkt statt. Nun giebt es zwei Lesarten über den Beginn der Streitigkeiten. Soviel steht jedenfalls fest, dass bei einem Heringskauf der jüdische Verkäufer und der russische Käufer in Streit gerieten, aus dem eine Prügelei entstand. Dem Verkäufer und dem Käufer liefen andere Personen zu Hilfe. In kürzester Zeit war aber diese Prügelei durch das Einschreiten der Polizei wieder unterdrückt. Da man in jüdischen Kreisen ahnte, was bevorstand, so sorgte die intelligentere Bevölkerung dafür, dass am Sonnabend und Sonntag durchaus Ruhe gehalten werde. Angesehene Juden gingen durch die Strassen und warnten vor jeglicher Ausschreitung Am Montag war das Bild vollkommen verändert. Die Bahnarbe^ter waren inzwischen aufgehetzt worden. Man sagte ihnen, sie wären verpflichtet, das zu rächen, Avas am Freitag geschehen war. und sie kamen daher von der Bahnstrasse drohend und johlend in die Stadt. Und nun das Charakteristische! Die Schlossstrasse, in der die wohlhabende jüdische und christliche Bevölkerung wohnt,