Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 10 (10.1903)
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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7 die kaiserlichen Truppen unter das Kommando protestantischer Generale zu stellen. Während man um der katholischen Glaubenseinheit willen die Städte verfallen, das Flachland veröden Hess, während man die besten Arbeitskräfte, die tüchtigsten Köpfe zur Auswanderung zwang, wurde ein zufällig nach Wien kommender Versemacher, Martin Opitz — ein Protestant! — von Ferdinand II. eigenhändig zum Dichter gekrönt. Der kleine Hofodensänger fand Gunst und Ehren, der grosse Astronom Kepler, der grosse Pädagoge Comenius mussten vor der Protestantenverfolgung flüchten. So behielt der Fanatismus Recht, und die Vorurteilslosigkeit behielt auch Recht, und wer findet, dass beides sich nicht gut vereinigen lässt, hat ebenfalls Recht. Während zu Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts das österreichische Schulwesen jammervoll darniederlag, während an der Wiener Universität die Professoren buchstäblich hungerten, weil man ihnen nicht nur elende Gehalte bezahlte, sondern ihnen überdies die Gehalte — nicht bezahlte, sondern Jahre lang schuldig blieb, wurde in Wien mit grossem Reklamelärm der Plan ausgeheckt, eine Akademie der Wissenschaften zu gründen. Die ganze deutsche Gelehrtenwelt, Leibniz voran, geriet in lebhafte Bewegung. Natürlich wurde aus der Sache nichts, aber Spektakel hatte sie gemacht, und die österreichische Kultur, mit den hungernden Lehrern daheim, war im Ausland gepriesen und bewundert worden. Genau so arbeitete das System Metternich. Mit dem unwürdigsten Zensurdruck vereinigte sich ein Zensurgesetz, das die freisinnigsten Grundsätze verkündete. Während man die Geister* bevormundete und keine freie wissenschaftliche oder literarische Regung gestattete, gingen aus der Staatskanzlei die „Jahrbücher der Literatur" hervor, an denen Goethe, Humboldt, Schelling mitarbeiteten. Wer konnte da noch an dem Kultureifer der österreichischen Regierung zweifeln? Diese verdeckte und versteckte Art von Politik wTar gerade in Oesterreich immer zu Hause. Es ist nicht gewiss, ob die Staatsmänner dieses Landes immer klug gewesen sind, aber gewiss ist, dass man nie aus ihnen klug werden konnte. Sie waren vornehm, aber sie paktierten auch mit der niedrigsten Demagogie. Sie konnten in allen Sätteln reiten, nur fest und gerade reiten konnten sie nie. Wenn sie einmal etwas Bestimmtes taten, so strengten sie sich stets aufs äusserste an, um das Bestimmte unbestimmt erscheinen zu lassen. Ein Entweder- Oder gibt es für diese Regierungskunst nicht. Sie setzt ein „Und" dazwischen und entscheidet sich für beides, für das Entweder und für das Oder; für den Fortschritt und für den Rückschritt, für die Kultur und für die Unkultur, lür den Zentralismus und für den Föderalismus, für den Rechtsstaat und für den Polizeistaat, für die moderne staatsbürgerliche Gleichheit und für die alten Standes- und Glaubensunterschiede — warum schliesslich nicht auch für die Juden und für die Antisemiten? Ein Recht