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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-10-01 · 10 (10.1903) · p. Seite 6

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
10 (10.1903)
Date
1903-10-01
Page
Seite 6 (sequence 9)
Language
German
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6 aus der Sache wegzutilgen, zeichnete man nach altbewährtem,, landesüblichem luogo di trafhco zugleich mit dem antisemitischen auch einen jüdischen Journalisten aus. Wer kann billigerweise mehr verlangen? Ist das nicht ausgleichende Gerechtigkeit? Ach Gott, es könnte Leute geben, die damit immer noch nicht zufrieden wären. Sogar Juden könnte es geben, die es durchaus nicht als eine Ehiung des Judentums auffassen, wenn die grosse Zahl der glaubensgenössischen Eegierungs- und halboffiziösen kaiserlichen Käthe um eine neue Nummer vermehrt wird. Stolze, dickköpfige Juden, die es trotz alledem als eine Kränkung empfinden, dass der Redakteur eines Blattes, das aus der niedrigsten Judenhetze ein Geschäft macht und dieses Geschäft mit äusserster Sk'rupellosigkeit und Brutalität betreibt, in Oesterreich durch Verleihung eines Ordens ausgezeichnet wird. Trotzige, verbissene Juden, die sich für die offizielle Ehrung eines Redakteurs des „Deutschen Yolksblatt" auch dann nicht moralisch entschädigt fühlen würden, wenn selbst die ganze Redaktion des „Neuen Wiener Journal" mit Orden und Titeln überschwemmt worden wäre. Ja, es gibt solche Menschen, solche Querköpfe, solche Prinzipienreiter. Nun sie mögen sich zu ihrer Beschämung sagen lassen, dass sie in den Geist jener Staatskunst niemals eingedrungen sind, deren tiefstes Wesen darin besteht, nichts ganz^ nichts deutlich, nichts offen zu tun, jeden Schritt nach der einen durch einen Schritt nach der andern Seite zu annullieren, nicht Fleisch, nicht Fisch, nicht Weiss, nicht Schwarz zu sein, nie Farbe zu bekennen, unausgesetzt zu beschwichtigen, abzuschwächen, zu verwischen, auszugleichen — kurz und gut: „alles zu vermeiden, was Ombrage erregen könnte". . *. Jener weise Richter, der die Beschwerden der streitenden Parteien anhörte und zu der einen sagte: „Du hast Recht", dann zu der anderen: „Du hast auch Recht", und als ihm sein Schreiber vorhielt, dass doch nicht beide Streitteile Recht haben könnten, diesem antwortete : „Du hast ebenfalls Recht", dieser Richter ist sicher ein „Staatsmann" gewesen. Dass die Grundsätze, nach welchen in Oesterreich regiert wurde, nicht immer die glücklichsten und gescheitesten waren, das weiss man. Aber die Grundsätze, die man hatte, waren noch nicht einmal das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass man nie die sittliche Energie fand, sich zu seinen eigenen Grundsätzen zu bekennen. Man war rückschrittlich, aber man gab vor, fortschrittlich zu sein. Man war bildungsfeindlich, aber man stellte sich an, als schwärme man für alle geistige Kultur. Man war religiös unduldsam, aber man stellte die blendendsten Toleranzproben zur Schau. Während die Gegenreformation wütete, während der Protestantismus mit Feuer und Schwert ausgerottet wurde, Avährend man sich in den dreissigjährigen Krieg stürzte, der doch — bei allen weltlichen Motiven, die dabei mitspielten — von österreichischer Seite ein veritabler Glaubenskrieg gewesen ist, war man in Wien unbefangen genug,.

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