Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 8 (August/September 1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 24 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Fäuste sausten durch die Luft. Dumpfes Murmeln, Zungenschnalzen, gemeine Scherze, Flüche, Yipernzischen verschmolzen zu einem feindseligen, zornigen Lärm. „Auseinander, macht Selmann Platz!" Dieser Ruf wurde von einer Bande ausgestossen, die etwas hinter sich herschleppte. Dieses Etwas war ein Mensch, oder richtiger gesagt, der halbnackte Leichnam eines Menschen, ein trockener, zerschundener und zerschlagener, mit Blute und Schmutz besudelter Leichnam. Das Bein hatte man an einen Strick festgebunden und schleifte so diese Leiche, die auf ihrem Wege eine breite, rote Furche zurückliess, durch die Strassen. Die mageren Arme des Leichnams badeten förmlich im Blut, die Gelenke waren ausgerissen, und der Kopf schlug wie eine unförmliche, grässliche, geschundene Kugel gegen'die Steine. Ein Junge kam herbeigelaufen und sprang auf den Körper, seine Füsse sanken in den Leib wie in einen weichen Teig ein. Plötzlich verlor er das Gleichgewicht und fiel, mit den Armen schlenkernd, unter allgemeiner Heiterkeit nieder. Selmann war ein reicher Bauunternehmer. Zu seinen Lebzeiten hatte ich ihn oft gesehen. Was ich aber da vor mir sah, glich nicht mehr einem Menschen. Beim Anblick dessen, was um mich her vorging wie betäubt, vom Staube erstickt, wurde ich wie ein von der Strömung fortgerissenes Wrack von der Menge weitergetragen. Das Schauspiel, das sich vor meinen Augen entrollte, erschien mir wie ein böser Traum. Plötzlich erblickte ich oben, an einer Gosse hängend einen weissen Unterrock. Ein altes Weib, das sich auf den Fussspitzen aufrichtete, hebt seine schwarzen knochigen Arme empor und sucht ihn zu erreichen. Neben ihr stülpt sich ein bärtiger Lumpensammler eine Seidenkappe auf seine zerzausten Haare. Kleine Jungen laufen den Erwachsenen durch die Beine und heben die Trümmer des Spiegels auf. Einer von ihnen springt in die Luft und will eine herumfliegende Feder fangen. Ein Polizist taucht, seinen Säbel schwingend auf; Geschrei und Spott begrüssen sein Erscheinen. ,. Packt ihn! Fasst den Pharao!" Einer schleudert ihm eine zerbrochene Kiste zwischen die Beine und der Mann fällt der Länge nach hin. Ueberall lässt sich ein lautes Lachen vernehmen. Auf dem Erdboden bemerkte ich ein Stück blutendes Fleisch, an welchem noch ein Haarbüschel klebt. „Hierher, Jungens, hierher!'4 Der Schrei kommt von dem Innenhof und sofort stürzt die Menge hinein. Man hört Brüllen, Kreischen, Aechzen, dann erhebt sich der Ruf: „Schlagt sie tot, schlagt sie tot!" . . .