Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 8 (August/September 1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 23 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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23 zurück und hielt sich zum Schutz beide Hände vor den Kopf. Ein dicker rothaariger junger Mensch bemächtigte sich des Samowars, trampelte mit den Füssen darauf herum und liess ihn dann auf die Erde fallen. Ein Schluchzen, das nichts Menschliches mehr hatte, stieg aus den Trümmern empor. Alle Köpfe erhoben sich .... das Eisenblech krachte. Plötzlich erschien auf dem Rand des Daches eine seltsame, grosse Gestalt, die einige Augenblicke im leeren Eaume zappelte, dann ein Klageruf, ein Röcheln, endlich ein schrecklicher dumpfer Fall. Ich stürzte aus dem Hofe. Hinter mir erhob sich wildes Triumphgeheul: „Haha!-4 „Haha!•' „Haha!u „Man hat ihn heruntergebracht!" Auf der Strasse zerschlug man Tische und Stühle, riss Koffer auf, oder zerfetzte Kleidungsstücke unter lautem Lachen. Federn flatterten durch die Luft. Kissen und Körbe, Möbel und andere Sachen, die aus den Fenstern der beiden Gebäude geworfen wurden, fielen zu den Füssen der Menge nieder, die in wahnsinniger Zerstörungswut alles packte, zerriss, verstümmelte und zerschlug, was ihr nur in die Hände fiel. Zwei Frauen mit aufgedunsenem Gesicht und aufgelösten Haaren zankten sich mit schweissgebadeten Gesichtern um einen Kasten, an welchem jede nach einer Seite zog. Federn und Daunen wirbelten über ihren Köpfen; sie beschimpften sich mit weitaufgerissenen Mündern, doch ihre Stimmen verloren sich in dem Gebrüll und Geschrei der Menge, in den kläglichen Angstrufen, die durch die Fenster der Häuser drangen, und in dem Knirschen des aufgebrochenen Holzes. Barhäuptig, mit zerrissenem Hemde lief ein herkulisch gebauter Bauer an mir vorüber. Seine Haare waren zerzaust, über seine staubbedeckten Wangen floss dickes, fast schwarzes Blut. Er gestikulierte und lächelte mit blöder Miene, wie ein altes Tier, das sich sattgefressen hat. Am Fusse einer Gaslaterne blieb er stehen, umschlang sie mit seinen Armen und suchte sie mit einem energischen Druck seiner breiten Brust zu erschüttern. Die Glasscheiben der Laterne wackelten und fielen nieder. „Schlagt kaput, schlagt alles kaput!*' brüllte ein anderer Bauer, umschlang ebenfalls die Gaslaterne und brachte sie mit lautem Gebrüll zum Wanken. Plötzlich stürzte ein junges Mädchen durch die Menge, wie eine Taube in einer Rauchwolke. Ihre Haare flatterten, ihr Kleid hing in Fetzen hernieder. Sie erhob das Haupt, und in ihrem blassen Gesicht erschienen ihre Augen von unermesslicher Grösse. „Haltet die Jüdin!" rief einer. Das junge Mädchen verschwand im Nu in der wogenden Masse. Hunderte von Körpern neigten sich über sie, geballte