Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 8 (August/September 1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 20 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Feuilleton. Judenverfolgung. Von Maxim G o r k i. Die Geschichte spielte sich vor 15 Jahren in einer Stadt an den Ufern der Wolga ab. An einem heissen Tage des Monates Juni war ich am Ufer des Flusses gerade damit beschäftigt, eine Fähre zu teeren; die Stunde des Abendessens nahte, als sich plötzlich irgendwo in der Vorstadt ein dumpfes, drohendes Grollen vernehmen Hess, das dem Gebrüll wütender, hungriger Ochsen nicht unähnlich klang. Da auch ich Hunger verspürte, so wollte ich meine Arbeit so schnell wie möglich beendigen und achtete zuerst gar nicht auf diesen fernen Lärm, der aber von Minute zu Minute stärker wurde, wie die Rauchwolken, die sich bei Beginn eines Brandes erheben. In der Vorstadt wirbelte in der glühend heissen Luft eine dicke Staubwolke auf. Ich blickte nach dieser Seite und glaubte mannigfaltige, verschiedene Töne, die mit dem immer dichter werdenden Staube emporstiegen, durch die Luft schweben zu hören. Der Lärm ward klarer und deutlicher. Die Atmosphäre bebte förmlich und das Herz schlug mir in der Ahnung eines Unglückes zum Zerspringen. Ich liess meine Arbeit liegen und stieg die sandige Böschung hinan; dort sah ich, wie Männer aus ihren Wobnungen stürzten, in grosser Hast die Strasse hinabliefen und ihre Schritte nach der Vorstadt lenkten. Kinder und Hunde begleiteten sie, ängstliche Tauben flatterten um ihre Köpfe, und Hennen liefen ihnen durch die Beine. Von der allgemeinen Aufregung fortgerissen, fing ich ebenfalls zu laufen an. „Man schlägt sich in der Jekaterinskajastrasse", rief Jemand. Vor der Menge fuhr ein Rollkutscher, der sein Pferd heftig antrieb, durch die ungepflasterte Strasse rasselte und wie ein Wahnsinniger brüllte: „Man schlägt die Unseren tot!" Ich bog in eine schmale Sackgasse ein und blieb dort stehen. Das Gedränge in dieser Gasse war so gross, dass sie einem Kornsack ähnlich sah, aus der der Inhalt herausquoll. In der Ferne liess sich wieder Gebrüll und Geschrei vernehmen, die Fensterscheiben klirrten, dumpfe Schläge erklangen. Man hörte Krachen und Stürzen; die Töne vermischten sich in rascher Folge miteinander wie die Wolken im Herbst und stiegen in lauten Tonwellen in die Luft. „Man schlägt die Juden tot", sagte ein sauber gekleideter Greis mit liebenswürdigem Gesicht, im Tone tiefster Zufriedenheit.