Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 8 (August/September 1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9756662-9602757-9602955--0799-9602962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 Bestrafung. Eines der ärgsten Inquisitionsgenies war der damalige Wiener Polizeidirektor Weiss von Starkenfels, der, weil die Finanzwirtschaft der Konkordatspolitiker mit dem Agio nicht fertig werden konnte, gegen die selbstverständlich hieran allein schuldtragenden „Börsenjuden" seine Polizeisoldaten aufmarschiren liess und mit Drangsalierungen, Kazzias, Ausweisungsbefehlen derart wütete, dass viele der Gepeinigten, um Ruhe zu erkaufen, sich in der Schreckenszeit taufen Hessen. Wenn man sich an solche viel zu rasch vergessene Tatsachen erinnert, wird man manches, was in dem Oesterreich unserer Tage geschieht, weit leichter und besser zu begreifen vermögen. Nur zu oft hat man sich einer ähnlichen Taktik bedient, wie einst jene polnischen Edelleute in Ostgalizien, die die Schlüssel der ruthenischen Kirchen an sich nahmen und sich von den untertänigen Bauern in jedem einzelnen Falle die Aufsperrung der Kirche bezahlen Hessen; diesen Schlüsselzins aber verpachteten sie an — Juden, so dass der Hass des Bauern den Juden traf, mit dem er an Feiertagen am Kirchentor um den Eintrittspreis feilschen musste. Noch lange Zeit nach der Beseitigung dieses Missbrauches war es bei den ruthenischen Bauern Sitte, an hohen Festtagen eigftns hierzu angefertigte Strohpuppen vor den Kirchentüren zu prügeln — die Sinnbilder der einstigen jüdischen Schlüsselpächter. So liebte man es in Oesterreich, auf die Juden, und nicht immer nur symbolisch, losschlagen zu lassen für Sünden, die nicht sie, sondern ganz andere Leute begangen hatten. Mochte es verlorene Kriege geben oder Staatsbankerott. Misswachs oder Produktionskrisen, politische Revolutionen oder wirtschaftliche Umwälzungen, war es was immer und stand es auch ausser allem erdenklichen Kausalnexus mit dem Judentum — stets hiess es : „Tut nichts, der Jude wird verbrannt." Die Judeneinwanderung in England. Der Bericht der vom englischen Parlamente im März 1902 eingesetzten „Fremden-Einwanderungs-Kommission" liegt nun vor. Die Kommission hat gründlich gearbeitet, reiches. Material in den Hauptländern der Einwanderung gesammelt und ein paar hundert Sachverständige aus allen Schichten der englischen Bevölkerung gehört. Der Bericht konstatiert, dass eine grosse Zahl fremder Einwanderer während der letzten 20 Jahre das Land betreten habe. Diese Zahl übersteigt beiweitem jene der früheren Jahre. Der Ueberschuss setzt sich hauptsächlich aus Russen iind Polen zusammen, die zumeist dem jüdischen Glauben angehören. Dabei gebe es keinen Anhaltspunkt dafür, dass bei der jetzigen Sachlage sich die Zahl der fremden Einwanderer in den kommenden Jahren verringern werde. Die Kommission konnte keinen Fall