Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 8 (August/September 1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 7)
- Language
- German
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4 schon in liberalster Weise gestattet. Wenn das Volk unter den Sünden des herrschenden Systems zu leiden hatte, so sollte sein Groll die Juden treffen — was lag daran? — wenn nur die Regierungsmänner verschont blieben. Man erlaubte dem berüchtigten Eipeldauer, poetisch zu schildern, wie ,,'n Landvolk d'Darm vor Hunger oft g'kracht hab'n", wenn er nur die richtige Erklärung dafür zu geben wusste: „Nur d'Kornjudn seyn p'r Wag'n herg'fahrn!M Als das österreichische ancien regime im Revolutionsjahre 1848 zusammengebrochen war, da griff die Reaction, sobald sie nur wieder die Trümmer aufzulesen Zeit fand, auch gleich wieder zu der altbewährten Methode: die Juden mussten die Revolution angezettelt haben. Wer anders als sie? Für die nachmärzlichen Officiösen war es eine ausgemachte Sache — so klar es auch durch alle historischen Tatsachen widerlegt ist — dass die Revolution ein Werk „ ausländischer,l Agitatoren und jüdischer Journalisten gewesen sei. Und doch waren diese, so viele ihrer auch in der rasch emporgeschossenen Blätter fülle von 1848 tätig gewesen, beiweitem nicht die radikalsten Federn des Sturmjahres; das waren vielmehr die rechten Wiener Vorstadtkinder, die Häfner, Tuwora u. s. w. Als Sühnopfer fielen dann freilich gerade jüdische Literaten (Bacher und Jellinek), die Windischgrätz justificiren liess,'Weil man eben die Revolution als Werk einer „dem Judentum, dem Verbrechen angehörigen Minorität" erscheinen lassen wollte — wie eine 1850 von einem Major der kaiserlichen Adju tantur veröffentlichte Broschüre sich ausdrückte. Auch in den Feldzügen gegen die ungarische Revolution hatten Windischgrätz und Haynau es besonders scharf auf die Juden abgesehen, die ihre Sympathie für die magyarische Unabhängigkeitsbewegung, der sie ja ihre zeitweilige Emancipation verdankten, schwer zu büssen hatten. Windischgrätz dekretierte für Jeden, der nach den Theissgegenden korrespondiere, standrechtliche Hinrichtung, und sei der Hingerichtete ein Jude gewesen, zahle überdies seine Gemeinde eine Busse von 20.000 Gulden. Als Haynau in Pest einrückte, war es sein Erstes, der dortigen Judengemeinde eine Kontribution von zwei Millionen Gulden aufzuerlegen. Und als endlich dieswie jenseits der Leitha alle revolutionären Regungen niedergeschlagen waren, da hatten wol alle Volksklassen unter den Racheexzessen der Reaction zu leiden, keine aber so schwer wie die Juden. Weil die Revolution sie befreit hatte, darum musste die Reaction sie in zehnfache Ketten legen. Aus dem Moder der Archive wurden überall die strengsten Bestimmungen der älteren sogenannten Judengesetzgebung ausgegraben. Die Verachteten, die Rechtlosen, die Ausgestossenen, sie sollten die Völker in Aufruhr gebracht, sie sollten ein System gestürzt haben, das über die riesigsten bureaukratischen und militärischen Machtmittel gebot! So lächerlich die Beschuldigung, so grausam ernst war die