Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-08-01 · 8 (August/September 1903) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
8 (August/September 1903)
Date
1903-08-01
Page
Seite 3 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9602757-9602955--0797-9602960
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 Es ergingen Ausweisungsbefehle gegen sie, zuerst nur gegen die Prager, dann gegen alle böhmischen Juden ohne Ausnahme. Die Befehle gelangten zwar nur teilweise zur Ausführung, aber bei den mangelhaften Verkehrs- und VerpflegungsVerhältnissen jener Zeit genügte das, um über Tausende unschuldiger Menschen das schrecklichste Elend zu verhängen. Auf die jahrelangen Verhandlungen, die über diesen Gegenstand zwischen den böhmischen Ständen, der Statthalterei und dem kaiserlichen Hofe geführt wurden, ist hier nicht der Ort näher einzugehen. Durch die Massnahmen gegen die Juden trat eine derartige Verteuerung aller Waren und eine so völlige Stockung des böhmischen Handels ein, dass die Verbannungsdekrete schliesslich zurückgenommen werden mussten. Für diese ..Vergünstigung' wurde aber den Juden «ine schwere Steuer auferlegt, die — als „böhmische Judensteuer" bekannt — durch ein volles Jahrhundert auf ihnen lasten blieb. Wir haben dieses eine historische Beispiel ausführlicher behandelt, weil es wol drastischer als irgend ein anderes das „Tut nichts, der Jude wird verbrannt" illustriert. Aber ähnliche Beispiele Hessen sich aus der neueren österreichischen Geschichte zu Dutzenden anführen. Als nach Kaiser Josefs IT. Tode von allen Seiten der reaktionäre Ansturm gegen seine volks- und fortschrittsfreundliche Gesetzgebung begann, da beeilten sich allenthalben die ständischen Vertretungen, voran die böhmische, schmerzliche Klagen über die Verschlechterung der wirtschaftlichen und sittlichen Zustände vorzubringen, wobei natürlich den Juden ein Hauptteil der Schuld beigemessen ward. Also : Zurückweisung der Juden in die alten Schranken! Denn nicht der bornirte Widerstand der Privilegierten gegen jede zeitgemässe Eeform war das Unglück des Reiches, sondern die jüdische Begehrlichkeit war es. Als dann die furchtbaren Kriegsjahre des französischen Revolutionszeitalters, verbunden mit Missernten, in Oesterreich Kornnot und Teuerung brachten, da war das Erste und so ziemlich das Einzige, was von regierungswegen zur Linderung des Elends geschah: ein Patent, das den Juden den Getreidehandel verbot. So waren glücklich wieder die Juden als Urheber des Nationalunglücks stigmatisirt! Während eine staatliche Finanzwirtschaft von beispielloser Unfähigkeit und Liederlichkeit, die kopflos in den Bankerott von 1811 hineintrieb, den Staat immer mehr in Abhängigkeit von Bankhäusern wie Geymüller, Parish, Hope, Bethmann brachte, wurde in amtlichen statistischen Publicationen die ökonomische Gemeinschädlichkeit der Juden verkündet. Sie waren es wohl, die das von Jahr zu Jahr steigende Defizit hervorgerufen, aus feudalem Kastengeiste Steuerreformen vereitelt, unglückliche Kriege geführt, Kriegsentschädigungen auferlegt und die schönsten Provinzen verloren hatten?! Kein Laut politischer und sozialer Unzufriedenheit durfte in der Presse jener Tage laut werden, aber gegen die Juden zu hetzen, war den „gutgesinnten" Blättern auch damals

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.