Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 8 (August/September 1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2 die Kriegswirren, sondern auch durch die Rechtslage eine so unklare, das die bayrischen Ansprüche bei keiner Bevölkerungsklasse auf ernsten Widerspruch stiessen. weder auf aktiven, noch auf passiven. Der böhmische Adel aber tat noch ein Uebriges. Uneingedenk dessen, dass gerade er dem Hause Habsburg so viel, ja alles zu danken hatte, strömte dieser Adel in hellen Scharen nach Prag, um dem neuen Landesherrn zu huldigen. Man bewarb sich hier so eifrig um Aemter und Würden, wie zuvor bei dem angestammten Hofe, und auch die hohe Geistlichkeit assistiert^ bei der Krönung des Wittelsbachers so würdevoll, wie sie es zuvor bei Habsburgischen Krönungen getan hatte. In der vom Kurfürsten eingesetzten neuen Landesregierung sass ein Kolowrat, ein Buquoy, ein Chotek, ein Czernin; und die Träger der bekanntesten feudalen Namen, die Kinsky, Wrbna, Sternberg, Lazansky, Waldstein, Morzin u. s. w., drängten sich um den neuen Thron. Als aber dessen Glanz bald wieder verblich, als Karl Albert's Königtum nach kurzer Dauer vom Kriegssturm Innweggeblasen war und das legitime Herrscherhaus seine Macht und damit auch sein Recht wiedererobert hatte — da kam das grosse Strafgericht. Und wen traf es? Nicht etwa die böhmischen Feudalherren! 0 nein, sie durften in Kurzem bei Hole und im Staate dieselbe Rolle weiter spielen, die sie vordem gespielt hatten. Und wenn man gegen die Felonie der „Stützen des Thrones" solche Nachsicht übte, wie hätte man gegen Bürger und Bauern strenger verfahren sollen? Sie Alle traf das Strafgericht nicht, wohl aber — die Juden! Sie sollten angeblich durch ihre „geschäftliche und staatsbürgerliche Haltung" besonderen Grund zur Unzufriedenheit gegeben haben. Ein historischer Beweis für eine solche Haltung liegt weder für die bayrische, noch für die zwei Jahre später erfolgte preussische Okkupation Böhmens vor. Und doch zeigte sich Kaiserin Maria Theresia von diesem Zeitpuukte an von den feindseligsten Empfindungen gegen die Judenschaft erfüllt. Wer die Kaiserin in diesem Sinne beeinflusst haben mag, ist nicht festzustellen, aber es lässt sich vermuten. Man muss nur wissen, in welcher Art die Strafuntersuchung über die Vorgänge in der kritischen Zeit geführt wurde. An der Spitze der Untersuchungskommission stand ein Graf Schaffgotsche, der sich in der bayrischen Episode zwar nicht persönlich kompromittiert hatte, aber doch für alle Fälle so vorsichtig gewesen war, seinen Sohn zur Huldigung an's kurfürstliche Hoflager zu senden; man konnte ja nicht wissen, in wessen Hand die Macht verbleiben würde! . . . Der hohe Adel also, von dem man doch mit Fug patriotische Aufopferung hätte verlangen dürfen, ging, wie gesagt, straflos aus. Die Juden aber, bei denen man doch damals — rechtlose Parias, wie sie waren — ein Vaterlandsgefühl gar nicht vorauszusetzen berechtigt war, sie wurden wegen eines angeblichen, durch nichts bewiesenen unpatriotischen Betragens aufs Härteste und Grausamste bestraft.