Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 8 (August/September 1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union.. Nr. 8. Wien, August-September 1903 15. Jahrgang. Der Jude wird verbrannt! „Tut nichts, der Jude wird verbraunt!" In der berühmten Szene seines „Nathan", wo dieses Wort refrainartig wiederkehrt, hat Lessing treffend jene uralte Staats- und Kirchenweisheit gekennzeichnet, die immer wieder für alles vorgefallene Unheil den Juden verantwortlich machte und ihn als Sündenbock dem wutschnaubenden Pöbel preisgab. Mochte die Judenschaft mit dem Zeitübel, unter dem man gerade so litt, in noch so losem oder auch nicht im entferntesten Zusammenhange stehen, bequemer als über hundert wahre Ursachen nachzudenken war es stets, die eine falsche zu nennen — und der Schluss war dann stets: der Jude wird verbrannt! So war es und so blieb es bis auf den heutigen Tag. In Oesterreich — jetzt der Tummelplatz des rohesten Antisemitismus — ist er ja auch heute nichts anderes als eine zeitgemässe Variation der alten Methode, eine oft sehr berechtigte politische, sociale und wirtschaftliche Unzufriedenheit der Massen auf den ewigen Prügelknaben der Menschheit, den Juden, abzulenken. Und ist es zu wundern, dass die unteren Classen sich in der erwünschten Kichtung lenken lassen, da doch die oberen Classen seit jeher alles getan haben, diese Volkserziehungsmethode populär zu machen und zu erhalten? Nicht nur im „finstern" Mittelalter ist das geschehen, sondern geradeso auch in der „aufgeklärten" neueren Zeit. Just im Zeitalter der Aufklärung, unter Maria Theresia, hatten die österreichischen Juden eine ihrer allerschlimmsten Leidensepochen. Der Grund davon ist ein höchst charakteristischer. Es lohnt sich, auf die Sache näher einzugehen, man lernt aus der Vergangenheit die Gegenwart verstehen. Als Kaiser Karl VI. gestorben war, wurde bekanntlich das weder auf eine starke Armee, noch auf einen vollen Staatsschatz, sondern nur auf die pragmatische Sanction gestützte Erbrecht seiner Tochter Maria Theresia von Frankreich, Bayern, Preussen und Sachsen angefochten, feindliche Heere drangen von allen Seiten über die österreichischen Grenzen, der bayrische Kurfürst fiel in Böhmen ein, nahm Prag und Hess sich zum böhmischen König ausrufen. Die Frage der Thronfolge war nicht nur durch