Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 7 (7.1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 20 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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•20 Boykott gegen Juden. Aus Ezeszow wird uns berichtet: In den Dörfern der Umgebung haben die Bauern beschlossen, keine Arbeit von Juden anzunehmen und bei Juden keine Einkäufe zu machen. An vielen Häusern und Bäumen wurden Aufrufe angebracht, worin jedem Bauer, der die erwähnten Beschlüsse nicht einhalten sollte, mit Prügeln gedroht wird. „Wir wollen sehen", schliesst der Aufruf, welches das Ende der Juden sein wird." Der tatsächliche Effekt dieses Aufrufes ist bereits zu verspüren. Die Bauern meiden die jüdischen Geschäfte und die jüdischen Wirtshäuser. In allen umliegenden Dörfern ist die Nachricht von bevorstehenden Gewalttätigkeiten gegen die Juden verbreitet und es herrscht infolge dessen unter den Dorfjuden grosse Panik. Dieselben haben sich an den hiesigen Bezirkshauptmann um rechtzeitige Vorsichtsmassregeln gewendet. Korrespondenzen. Wien. (Christlich-soziale Kaisertreue.) In dem offiziellen Parteiorgan der christlich-sozialen Ueberpatrioten, die sich in Hochrufen auf den Kaiser nicht genugtun können, in der .Deutschen Zeitung", war dieser Tage zu lesen: „D e r o u t e : Ein Stimmungsbild . . . Auch die kaisertreuesten Patrioten werden die Feier des 18. August heuer nur in sehr gedrückter Stimmung und mit gemischten Empfindungen begehen . ♦ . Tritt eine tatfrische, jugendstarke Persönlichkeit an die Ursprungsquelle der — treibenden Kräfte, dann — ja dann könnte es zu einem Durchhauen des Knotens kommen, welcher die Lösung mit hausbackenen Mitteln und auf gelinde Art mit so rebellischer Hartnäckigkeit widerstrebt . . . Doch das sind sehr weitliegende, wenn auch vielleicht nicht unabsehbar entfernte Persp ektiven. Schliesslich : In unserem Reiche der Unwahrscheinlicbkeiten, der unvermutetsten scheinbaren „Unmöglichkeiten", die infolge eines ungeahnten, verblüffend überraschenden Umschlages über Nacht lebensvolle Gestaltung annahmen, bei der Unverlässlichkeit und Unberechenbarkeit ausschlaggebender Faktoren — ist auch ein vollständiger Umschwung des Regierungssystems, ein heute von fast allen für unmöglich gehaltener Personen- und Szenerieweehsel nicht mehr unmöglich, die Grenze, an der freiwillige und unfreiwillige, gewollte und ungewollte Demissionen und Pensionierungeu, Rücktritte und Abdankungen Haltmachen, vorneweg nicht fixierbar. Dass der habsburgischen Monarchie eine Verjüngung ihrer Säfte von der Wurzel durch Stamm, Aeste und Zweige bis in die Baumkrone hinauf nottut, das haben mit eindringlicher Schärfe die letzten Tage gezeigt. . . . Graf Khuen: Er ist als blosses Vollzugsorgan kaum verantwortlich für die Versündigungen, die er am Reichsgedanken, an der Staatsidee, besser: Fiction der staatlichen Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit begangen hat.. . Wir fürchten, dass nur eine grosse Umwälzung, eine grundlegende Neuerung, eine wahre Renaissance das erloschene Vertrauen in die Zukunft dieses namenlosen Reiches zu neuem Leben zu erwecken vermag . .. Und da nicht einmal die Ehre gerettet erscheint, so sehen die Anhänger von Ordnung und Autorität, die Freunde des Reiches und der Armee sowie wirklich parlamentarischer Grundsätze nach einem Schützer und Schirmer aller staatserhaltenden Factoren, einem Retter aus Wirrsal und Not aus, der den Glauben an die Monarchie und ihre weltgeschichtliche Mission wieder aufrichtet."