Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 7 (7.1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 13 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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13 warten darf, dass Sie die gleiche Empörung beseelen würde bei einer Tragödie, die ein christliches Volk betreffen würde, so würde ich mich für unwürdig der Stellung halten, die ich einnehme, wenn ich nicht den gleichen Schmerz, die gleiche Entrüstung empfinden würde bei der Vergewaltigung, die dem jüdischen Volk in irgend einem Weltteil angetan wird. Ich bin sicher, dass die Sympathie-Kundgebungen im ganzen Lande ohne Unterschied des Glaubens bereits viel Gutes erzielt haben. Es ist eine Genugtuung, anzunehmen, dass die russische Regierung die Gefühle des Entsetzens und der Entrüstung über die Greuel in Kischenew mit dem amerikanischen Volke teilt und dass sie Massregeln trifft, um Wiederholungen zu verhindern und die Anstifter zu bestrafen. Die russische Regierung betrachtet jene Ausschreitungen im selben Lichte wie unsere Regierung die Krawalle und Lynchaffären, die hier vorgekommen sind und die weder unsere Regierung noch unser Volk charakterisieren. Der russische Gesandte hat mich aus eigenem Antriebe besucht und mich persönlich benachrichtigt, dass der Gouverneur von Kischenew seines Amtes entsetzt worden ist, dass 300—400 Teilnehmer an den Greueltaten verhaftet worden seien, die strengstens bestraft werden würden. Ich werde die Anregungen, die Sie mir unterbreitet haben, auf das sorgfältigste prüfen und erwägen, ob unter den gegebenen Umständen es ratsam und von Vorteil für die unglücklichen Ueberlebenden, mit denen wir so tiefes Mitgefühl haben, ist, weitere offizielle Schritte zu tun. Kein Ereignis der letzten Zeit hat meine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch genommen und wird meine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, als dieses hier. Jede Massregel, die Erfolg verspricht, wird ergriffen werden, um die Aufrichtigkeit der historischen Stellung Amerikas zu betätigen, dass Jedermann nach seinen Verdiensten beurteilt wird, ohne die geringste Rücksichtnahme auf seinen Glauben, seine Rasse oder seinen Geburtsort. Präsident Roosevelt hatte beschlossen, die Petition der „B'nai Britlr' dem Zaren zu übermitteln. Sobald diese Absicht des Präsidenten bekannt wurde, begab sich der russische Botschafter in Washington ins Weisse Haus, um dem Präsidenten mitzuteilen, dass die Petition von der russischen Regierung zurückgesandt werden würde. Ob dieselbe nun doch abgeht, muss man abwarten. Herr v. P1 e h w e manifestirt jetzt schon seine Stellung gegenüber dem Präsidenten Eoosevelt durch folgendes offiziöse Kommunique der „Russischen Telegraphenagentur" : Das Reuter'sche Bureau hat die Nachricht verbreitet, wonach zwischen Russland und den Vereinigten Staaten wegen der Absicht des Präsidenten Roosevelt, der russischen Regierung eine Petition der amerikanischen Juden über die Ereignisse in Kischenew zu überreichen, Verhandlungen stattgefunden hätten. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat über diesen Gegenstand keinerlei Erklärungen gemacht. Wenn sie sich aber hiezu entschlossen hätte, so würde Russland es natürlich verstanden haben, auf eine derartige Einmischung in seine inneren Angelegenheiten die erforderliche Antwort zu geben. Auf diese Note erwidert das Washingtoner Staatsdepartement halbamtlich, dass solche Auslassungen es nicht davon abhalten würden, die Petition abzusenden, sobald dieselbe zur Ueberreichung bereit sei. Die Bundesregierung werde nicht zögern, ihrem und aller Amerikaner Abscheu vor den Kischenewer