Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 7 (7.1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 12 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Staaten am stärksten und intensivsten zum Ausdruck kommen, denn die Vereinigten Staaten sind von allen grossen Mächten gerade das Land, in dem von Beginn seines nationalen Bestehens das Meiste geschehen ist, um das an der jüdischen Rasse begangene Unrecht gutzumachen und den amerikanischen Bürgern jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eines der rührendsten Gedichte unseres grossen Dichters L ongf ellow ist dem jüdischen Friedhof in New-York gewidmet, und wer immer die alten Begräbnisstätten unserer Städte besucht, die Zeugnis ablegen von den alten Kolonial-Zeiten, wird dankbar viele tarnen von Amerikanern jüdischer Rasse lesen, die im Frieden wie im Kriege in vollem Masse zur Begründung dieser Nation beigetragen haben. Von den vielen Versammlungen der Krieger vereine, denen ich beigewohnt habe, bleibt mir eine besonders unvergesslich. Es war dies eine Versammlung, die von Kriegsveteranen jüdischen Glaubens im Tempel Emanu-El in der 44. Strasse zu New-York zur Begrüssung der heimkehrenden Krieger aus dem spanisch-amerikanischen Kriege abgehalten wurde. Als ich selbst dem Heere angehörte, focht neben mir einer der besten und tapfersten Hauptleute des Regiments, ein Jude. Einer der Schiffskommandanten, der sich bei der Blokade der kubanischen Küste rühmlich hervortat, war e i n J u d e. In meinem eigenen Regiment beförderte ich fünf Leute wegen Tapferkeit in der Schlacht zu Offizieren. Zufälliger Weise ergab es sich — denn ich hatte keine Ahnung, welcher Religion die Leute angehörten — dass davon 2 Protestanten, 2 Katholiken und einer Jude war. Obgleich dies, wie gesagt, ein grosser Zufall war, so ist die Sache doch bezeichnend für die religiöse Zusammensetzung unserer Nation und für die Tatsache, dass alles, was von einem Mann hier verlangt wird, ist, dass er ein guter Amerikaner sei, einerlei welches Glaubens er ist, noch wo seine Wiege gestanden hat. Lassen Sie mich Ihnen eine kleine Begebenheit erzählen, die Bezug hat auf die Frage der Rassen- und Religionsverfolgungeu. Vielleicht erinnern Sie sich — sicherlich werden sich einige meiner J^ew-Yorker Freunde daian erinnern — dass während der Zeit, als ich Polizeikommissär in N e w-Y o r k war, ein Geistlicher von Europa kam, um in New-York eine anti jüdische Agitation ins Leben zu rufen, und dass er seine Absicht kundgab, Versammlungen abzuhalten, in denen die Juden angegriffen werden sollten. Die Angelegenheit wurde mir unterbreitet, ich hatte aber natürlich keine Befugnis, die Versammlungen zu untersagen. Nach reiflicher Ueberlegung wählte ich einen jüdischen Polizei-Sergeanten und 40 jüdische Schutzleute aus, um den Agitator in den Versammlungen zu schützen, so dass er in seineu Hetzreden gegen die Juden ausschliesslich von Juden beschützt ward. Meiner Jdee nach war das die beste Antwort, die ihm gegeben werden konnte, und gleichzeitig war das eine Aeusserung, wie wir Amerikaner dergleichen Sachen behandeln. Einen Schutzmann stellte ich unter folgenden Umständen an: Bei einem Besuch des christlichen jungen Männervereines wurde mir von einem jungen Juden erzählt, der bei einem Brande unter grosser Lebensgefahr Leute aus dem brennenden Hause gerettet habe. Die allgemeine Ansicht war, dass dieser junge Mann das richtige Zeug für einen tüchtigen Polizisten in sich habe. Ich Hess ihn zu mir kommen und riet ihm, sich zum Examen zu melden. Er tat es, bestand die Prüfung und wurde nicht mir ein vorzüglicher Schutzmann, sondern benutzte seinen Gehalt auch dazu, seine jüngeren Brüder und Schwestern etwas lernen zu lassen. Für seine Ersparnisse Hess er ausserdem seine alten Eltern aus Russland kommen und sorgte für sie hier. Ich habe Ihnen einige Beispiele von Männern gegeben, die unter mir in meinem Regiment und in der New-Yorker Polizei gedient haben. Aber ausserdem sind einige meiner besten Freunde, einige, mit denen ich im engsten Kontakt im politischen Leben verkehre, Juden. Ich empfinde daher natürlicher Weise einen grossen Grad persönlicher Sympathie und persönlicher Empörung über die furchtbare Tragödie und versichere Sie, dass meine Gefühle dieselben sind wie die Ihrigen, meine Herren. Gerade so wie ich er-