Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 7 (7.1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 10 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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10 werde zuwenden müssen, wenn er nicht in die verhängnisvollen Unterlassungssünden seines Vorgängers, Grafen Pininski, verfallen wolle. Die erste Amtshandlung des Grafen Potocki in Bezug auf die Judenfrage unterschied sich nun allerdings in erfreulicher Weise von der Haltung seines Vorgängers. Am 26. Juni nahm der Statthalter die Vorstellung der Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde in Lemberg, die vom Reichsratsabgeordneten Dr. Byk geführt wurde, entgegen. Abgeordneter Dr. Byk richtete namens des jüdischen Kultusvorstandes eine Ansprache an den Statthalter und bat denselben, die jüdische Bevölkerung seiner Fürsorge teilhaftig werden zu lassen durch Verwirklichung ihrer gesetzmässigen vollen Gleichberechtigung und durch Bekämpfung der unbeschreiblichen Not und des Elends, der in erschreckender Weise wachsenden Erwerblosigkeit und der verzweiflungsvollen wirtschaftlichen Lage der weiten Schichten der jüdischen Landbevölkerung. Statthalter Graf Potocki antwortete in längerer Rede. Der Gedankengang dieser Rede war folgender: Der Statthalter werde sich in seiner amtlichen Stellung gewiss stets ausschliesslich von den Grundsätzen einer strikten Gerechtigkeit leiten lassen, wobei der Unterschied des Glaubens absolut nicht in die Wagschale fallen werde. Er halte im Allgemeinen die Religion hoch, ohne Unterschied, ob sie die seine oder eine fremde sei. und achte daher auch in gleicher Weise denjüdisehen Glauben. Die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung erkenne er nicht bloss wegen ihrer numerisch gewaltigen Zahl, sondern auch deswegen an, weil sich der ganze Handel im Lande fast ausschliesslich in ihren Händen befindet, Das allgemeine Landesinteresse, welches die Entwicklung des Handels fordert, müsse daher seine volle Aufmerksamkeit und seine Rücksichtnahme herbeiführen. Die Verhältnisse des Landes seien ihm bekannt, und er müsse daher dem Abgeordneten Dr. Byk beipflichten, dass Armut und Not der jüdischen Massen, besonders in den kleinen Städten, unsagbar seien. Der Hunger lasse begreiflicherweise mitunter manche Grenze verkennen und könne auch leicht zu Ausschreitungen führen. Selbst abgesehen vom allgemeinen Menschlichkeitsgefühl müsse daher auch die öffentliche Sicherheit sein Interesse für diese wirtschaftliche Notlage und ihre Ursache im hohen Grade wecken. Gleich bei Uebernahme seines Amtes habe man in polnischen und ruthenischen Blättern lesen können, dass sich antisemitische Exzesse in Galizien vorbereiten, ja noch mehr, dass sie organisiert werden. Der Statthalter habe sofort eine allseitige Berichterstattung abverlangt und könne die berunigende Mitteilung