Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 36 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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36 sich die Augen verschliessen, dass die ganze wirtschaftliche Gesetzgebung der neuesten Zeit den unausgesprochenen Zweck habe, die Juden zu proletarisieren. Deshalb müssten die Juden auch aus wirtschaftlichen Gründen sich organisieren. Die Vorbedingung solcher Organisationen sei die Verbreitung einer gründlichen politischen Bildung. Dies habe sich auch der neue Verein zur Aufgabe gemacht; er erfülle damit, wenn auch im begrenzten Kreise, eine wichtige Aufgabe. Denn gerade auf diesem Gebiete seien die Juden sehr rückständig. Ihre Ueberlegenheit auf dem geistigen Gebiete in anderen Belangen stehe in grellem Kontrast zu ihrer bisherigen Unfähigkeit auf dem politischen Gebiete. Das sei auch die Ursache davon, dass die Juden trotz ihrer numerischen Stärke, trotz ihrer intellektuellen Befähigung, trotz des Kapitales und der Zeitungen, die ihnen zur Verfügung stehen, einen solch beschämend geringen Einfluss auf die Staatsgeschäfte nehmen. Nie werden Fremde für die Juden etwas tun, wenn die Juden nicht selbst für sich eintreten werden. Vielseitiger Aufforderung Folge leistend, ergriff hierauf der Sekretär der „Oesterreichisch-Israelitischen Union", Herr Siegfried Fleischer, das Wort. Derselbe erklärte, dass nach einer oberstgerichtlichen Entscheidung ein politischer Verein zu der Versammlung eines anderen politischen Vereines keine Delegierten entsenden dürfe. Er sei daher nicht in der Lage, heute im Namen und Auftrage der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" zu sprechen und seine Aeusserungen können nur als solche einer Privatperson aufgefasst werden. Die Ausführungen des Vortragenden seien in vollem Masse zu billigen; sie schildern die Lage der Juden vollkommen zutreffend und wahrheitsgemäss. Er selbst sei heute nicht gekommen, um zu sprechen, sondern nur um zu hören. Da er jedoch in so freundlicher Weise dazu aufgefordert wurde, wolle Redner aus seiner persönlichen Kenntnis der lokalen Verhältnisse auseinandersetzen, warum sich speziell die Floridsdorfer Juden organisieren müssen. Durch die Vereinigung von vier grossen Arbeiterdörfern sei Floridsdorf eine mächtig emporstrebende Industriestadt geworden. Diese seine in überraschendem Masse wachsende Bedeutung danke Floridsdorf zum guten Teile jüdischer Arbeit, jüdischem Gewerbefleisse, dem Verständnisse der Juden für die Industrie. Die Vereinigung sei mit ein Werk der Juden, welche dieselbe im Schosse der seinerzeitigen liberalen Partei und im Gegensatze zu den christlich-sozialen Dörflern eifrig förderten. Allein sie haben für diese aufopfernde Arbeit einen schlechten Dank geerntet. Man weiss, wie schwächlich die liberale Partei in Floridsdorf vertreten war. Die Liberalen waren sehr brave Leute, aber schlechte Musikanten. Es hat zwar auch einen liberalen Wahlverein gegeben, aber, wie Diogenes einen Menschen, so musste man auch diesen Verein mit der Laterne suchen, wenn man ihn brauchte. Wenn es sich um irgend eine freisinnige Manifestation