Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 32 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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32 von Sicherheitsvorkehrungen. Mehrere hundert Juden flüchteten aus Furcht vor weiteren Ausschreitungen nach der galizischen Grenzortschaft Uwin im ßrodyer Bezirke, wo sie erzählt haben sollen, dass man ihnen mit der Wiederholung der Kischenewer Vorgänge gedroht habe. Mittlerweile haben sich aber die erregten Gemüter schon wieder beruhigt. Das Ritualmordmärchen. Aus Zenta in Ungarn wird gemeldet: Die sechsjährige Tochter Marie des dortigen Einwohners Franz H a 1 a s z trug gestern Früh einen irdenen Krug, den sie beim Auslaufbrunnen mit Wasser gefüllt hatte, nach Hause. Unterwegs strauchelte sie über einen Stein, stürzte zu Boden und der Krug ging in Trümmer, wobei das Kind durch einige Stücke der Krugscherben im Gesicht nicht unerhebliche Schnittwunden erlitt. Das Kind schrie und jammerte, wobei das Blut dem armen Kinde über das Gesicht rann. Der dortige jüdische Lehrer Biegeleisen, der zufällig des Weges ging, erbarmte sich des jammernden Mädchens und wischte ihm mit dem Sacktuch das Blut vom Gesicht, sich bemühend, die Blutungen zu stillen. Inzwischen waren einige Bauern hinzugekommen, und als sie das blutende Mädchen mit dem jüdischen Lehrer sahen, stiessen sie die Rufe aus: „Der braucht Blut für die Feiertage! Schlagt den Juden todt!" In demselben Augenblick stürzten die Bauern herbei und schlugen mit Stöcken und Knütteln auf Biegeleisen ein. Der endlich herbeigeeilten Gendarmerie gelang es nur mit grosser Mühe, den halbtodt geprügelten Lehrer aus den Händen der wüthenden Bauern zu befreien und in das Spital zu bringen, wo er schwer verletzt darniederliegt. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Die „Times" vom 9. d. M. enthält einen Brief des früheren Botschafters in* Wien Sir Horace R u m b o 1 d, der bekanntlich, nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen, seine interessanten Aufzeichnungen herausgegeben hat, und der jetzt seine Stimme zu Gunsten der verfolgten russischen Juden erhebt. Sir Horace Rumbold macht hiebei folgende interessante Enthüllung: Die Frage des Ritualmordes hat mir vor einigen Jahren das lebhafteste Interesse eingeflösst, und dies muss meine Entschuldigung dafür sein, dass ich Ihren Raum in Anspruch nehme. Eine starke antisemitische Woge ging damals über das östliche Europa und erreichte ihre bedrohliche Höhe in der österreichischungarischen Monarchie. In ihrem Gefolge kam eine Wiederbelebung der entsetzlichen Fabeln über die Juden, deren Ursprung uns in die fernste Zeit des Mittelalters zurückführt. Die Religionsgenossen