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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-06-01 · 6 (6.1903) · p. Seite 22

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
6 (6.1903)
Date
1903-06-01
Page
Seite 22 (sequence 26)
Language
German
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22 noch zu bezeichnen. Sie wird auch fest bleiben, solange Herr Plehwe in der Lage ist, an jedem Tage, an dem es ihm beliebt, persönlich mit dem Zaren zu sprechen. Dann ist es so, wie er in vertrautem Kreisen pantomimisch zu erkennen gab, indem er bei Erörterung der Frage seiner Zukunft sich als Kapellmeister hinstellte und die Bewegung machte, als ob er den Taktstock für ganz Russland schwänge. Bei aller Empörung über die Bestialitäten, die in Kischenew verübt worden sind, soll man doch im Ausland nicht vergessen, dass unser Volk an diesen Scheusslichkeiten weit weniger Schuld ist, als unser Minister des Innern und seine Kreaturen. Und auch das darf man nicht ausser Acht lassen. Was in Kischenew dramatisch zusammengedrängt sich in wenigen Tagen und auf einem einzigen Schauplatz abgespielt hat, das spielt sich in ähnlicher Weise bei uns in Russland tagtäglich ab — nur freilich nicht in einer einzigen Stadt, sondern zerstreut über das ganze riesige Reich, und immer unter Anführung von korrupten und streberischen Behörden. Wenn es den Polizeiorganen passt, schlägt man hier und dort Menschen todt, überall nur ein paar; man schleppt Unschuldige in den Kerker, Beamte plündern uns aus; hoffnungsvolle junge Menschen gehen in Sibirien zu Grunde. Diese Chronik würde tagtäglich aus allen Richtungen des Reiches mit Tatsachen angefüllt werden können, und addirte man die Posten, — die Summe wäre schwerlich geringer als in Kischenew. Die Tragödie von Kischenew ist die Tragödie des russischen Volkes, nicht nur der Juden, und inszeniert wird sie von einer verkommenen und kurzsichtigen Bureaukratie, deren mächtigster Vertreter heute Herr Plehwe ist. Diese Bureaukratie, die uns im Innern schwächt und mehr und mehr demoralisiert, schändet uns vor Europa. Die Zahl derer, die das in Russland empfinden, ist keine kleine. Ueber die Mittel zur Heilung gehen die Ansichten wohl auseinander. Ich glaube nur an eine einzige Heilung. Der Zar muss über die Sachlage aufgeklärt werden, er muss in der Lage sein, festes Vertrauen zu denen zu gewinnen, denen er diese Aufklärung verdankt, und er muss sich alsdann mit ehrlichen Männern umgeben. Die gibt es, das soll man im Auslande nicht vergessen, in unserem Adel und in unserer Intelligenz. Die Worte liberal und konservativ im landläufigen Sinne Westeuropas passen auf unsere Verhältnisse nicht. Was wir brauchen, ist eine Bureaukratie, die es dem Volk ermöglicht, menschenwürdig zu leben, sich menschenwürdig zu entwickeln, und die dem Zaren ergeben ist. Für eine Entwicklung in dieser Richtung ist Herr Plehwe in diesem Augenblick das stärkste Hindernis. ....

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