Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 21 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Plehwe noch zu düster, und er veranlasste — es steht dies fest — dass die Farben gänzlich verändert wurden. Nichts ist also irrtümlicher, als die Kischenewer Ereignisse als ein Zeichen revolutionärer Anarchie im Volke anzusehen. Die Ereignisse in Kischenew bedeuten vielmehr, dass Herr Plehwe die wilden Instinkte der ungebildeten Bevölkerung und die Gemeinheit des gebildeten Pöbels in seine Dienste genommen hat, um das Regime, wie es besteht, noch eine Zeit lang fortvegetieren zu lassen und um seine eigene Unentbehrlichkeit in so unruhigen Zeiten dem Kaiser zu erweisen. Die Arbeiter- und Bauernunruhen, die hier und dort sich zeigen, sollen hinübergeleitet werden in Unruhen gegen die Juden, und den Zaren sucht man von jeder Intervention, die ihm seine humanen Gefühle diktieren könnten, obgleich er kein Judenfreund ist, dadurch abzuhalten, dass man ihm die künstlich erzeugte antisemitische Stimmung als ureigenste Empfindung des loyalen russischen Volkes hinstellt und ihn warnt, dieses loyale russische Volk durch eine Beschützung der Juden zu verletzen und zu entfremden. Um die Revolution und die Unzufriedenheit zu bekämpfen, sucht überdies der Minister Plehwe — allerorten unter hoher behördlicher Protektion — eine loyale i\.rbeiter- und Kleinbürgerpartei ins Leben zu rufen, und diese Partei soll zusammengehalten werden durch das Programm: eine Schutzwache für den Zaren zu sein, der von den Juden bedroht werde. Alle einsichtigen Beurteiler sind sich darüber einig, dass dieses Programm zwar neues Unglück und neue Schmach über unser Land bringen kann, aber einen politischen Erfolg, der länger dauert als von heute bis übermorgen, wird es nicht haben und kann es nicht haben. Ich meinerseits glaube für absehbare Zeit nicht an die Möglichkeit des Konstitutionalismus und Parlamentarismus in Russland. Dafür fehlen uns noch zahlreiche Vorbedingungen. Uns kann zur Zeit nur eines retten: eine ehrliche Verwaltung — Sie im Ausland sind ja vielfach anderer Ansicht und viele jüngere Elemente bei uns auch; mein Standpunkt wird hingegen von nicht wenigen Personen in ausschlaggebender Stellung bei uns getheüt, und diese alle sind in Folge dessen Gegner des Herrn Plehwe, dessen intriguante und gewissenlose Politik uns Katastrophen näher bringt und diese Katastrophen werden dann nicht nur die Juden treffen' So sind denn die Ereignisse von Kischenew der Exponent auch für starke Gegensätze innerhalb der regierenden Kreise. Die Stellung des Herrn Plehwe wird daher von sehr starken Personen berannt, aber sie ist heute noch nicht erschüttert, und sein Einfluss auf den Zaren, den er beständig mit der Revolution und mit Attentaten zu erregen sucht und dem er sich stets von neuem als unentbehrlich hinzustellen weiss, ist zur Zeit als fest