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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-06-01 · 6 (6.1903) · p. Seite 20

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
6 (6.1903)
Date
1903-06-01
Page
Seite 20 (sequence 24)
Language
German
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20 Mau muss sich der Tatsache erinnern, dass der Minister Plehwe zur Zeit der grossen Judenverfolgungen in Russland im Jahre 1881 der Gehilfe und Vertreter des Ministers Ignatiew als Chef des Polizeidepartements gewesen ist, und dieselben politischen Ziele, die damals Ignatiew verfolgte, verfolgt heute der Minister Plehwe. Diese Ziele lassen sich kurz folgendermassen charakterisieren : Das Interesse der Bevölkerung soll durch Judenkrawalle von der Erörterung wahrhaft brennender politischer Fragen abgelenkt werden. Die unruhige Arbeiterpartei, unter der sich auch Juden befinden, soll gespalten werden, indem die Rechtgläubigen gegen die Juden ausgespielt werden, die Unzufriedenheit der hungernden Massen soll auf die Juden gelenkt werden, und der Kaiser soll in der Ueberzeugung verbleiben, dass bei den Zuständen des Reiches, wie sie sich vor seinen Augen abspielen, dass im Augenblick barbarischer Ausschreitungen irgend welche politischen Aenderungen, wie sie die gebildete Bevölkerung wünscht, ein Ding der Unmöglichkeit wären. Das Volk sei hierfür nicht reif. Ob ein Erlass, wie ihn die „Times" publiziert haben, existiert, ist gleichgiltig. In jenen Regierungskreisen, die den Willen des Ministers Plehwe kennen, ist man jedoch überzeugt, dass ein derartiger Erlass seine Intentionen wiedergeben würde, und die charakterlosen Streber innerhalb der Regierungsmaschinerie sind bereit, entsprechend solchen Plänen zu handeln. Es ist daher auch keineswegs ausgeschlossen, dass auf die Ereignisse in Kischenew verwandte Ereignisse an anderen Orten folgen. Treten sie ein, so ist der Minister Plehwe für sie verantwortlich; denn sie entstehen nur, wenn er sie will. Ein Umstand mag diese Entwicklung verhindern. Die Exzesse in Kischenew waren allzu programmwidrig barbarisch. Sie haben den Zaren empört, und es ist dem Minister Plehwe nur mit Mühe gelungen, den Zaren zunächst von einem Schritte abzuhalten, der nicht nur für die Kischenewer lokalen Behörden hätte verhängnisvoll werden können. Der Zar hatte die Absicht,"leinen Adjutanten zu Zwecken seiner persönlichen Information nach Kischenew zu entsenden. Das wusste der Minister des Innern glücklich zu hintertreiben, und er seinerseits schickte nunmehr an den Ort der Tragödie als seinen Beauftragten Herrn Lopuchin. eine seiner Kreaturen, einen noch jungen Mann, der bis vor kurzem Staatsanwalt in Petersburg gewesen ist. Die Meldung dieser Reise verbreitete zunächst in Kischenew eine Panik unter den intellektuellen Leitern der Krawalle Herr Lopuchin wusste gemäss den Instruktionen des Herrn Plehwe die beunruhigten Gemüter jedoch schnell zu beruhigen. Als Lopuchin dann in Petersburg schliesslich seine milden schriftlichen Berichte erstattete, erschien auch dieser Bericht Herrn

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