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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-06-01 · 6 (6.1903) · p. Seite 18

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
6 (6.1903)
Date
1903-06-01
Page
Seite 18 (sequence 22)
Language
German
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18 Herr Kruschewan. Dieses Blatt betreibt seit Jahren die Judenhetze systematisch. Da wir unter der Zensur leben, so bedeutet dies : Die Regierung hat gegen die Judenhetze nichts einzuwenden. Wir haben zwar in Russland eine ganze Reihe antisemitischer Organe, aber ein Seitenstück zum rBessarabetz" gibt es kaum. Das Blatt verbreitete Märchen über die Juden, die die Bevölkerung im höchsten Grade aufregen mussten, und allmählich erhielt diese Hetze eine immer deutlichere politische Spitze. Die Juden wurden zugleich als diejenigen hingestellt, die den Zaren entrechten und das ganze Reich unterminieren wollten. Die Wirkung dieser unter den Augen der Regierung betriebenen Propaganda blieb nicht aus. Der Fanatismus wurde einerseits erregt, aber der Fanatismus ist bei den breiten Schichten unserer Bevölkerung nur dann eine gefährliche Macht, wenn der gemeine Mann annimmt dass das, was er tut, vom Zaren befohlen sei. Und nun ereignete sich dasselbe, was sich im Jahre 1881 ereignet hatte. Die Bevölkerung von Kischenew und Umgebung glaubte wie damals an ein goldenes Manifest des Zaren, das in den Gemeindekanzleien eingetroffen sei und das befähle, die Juden zu Ostern zu erschlagen. Den Juden waren diese Gerüchte wohl bekannt, und sie haben daher wiederholt und dringend den Gouverneur v. Raaben gebeten, die Unwahrheit dieser Gerüchte öffentlich zu erklären und Vorkehrungen gegen Ausschreitungen zu treffen. Herr v. Raaben tat aber nichts; er wies die Juden ab, oder er gab ihnen leere Versprechungen. Bedeutete diese Haltung für die Masse der Bevölkerung eine Bestätigung der umlaufenden Gerüchte, so war es für die Intelligenz gleichfalls von entscheidender Bedeutung, dass der Gouverneur in seiner Indolenz verharrte, während der Vizegouverneur Ustrugow als Mitarbeiter des „Bessarabetz" und gleichzeitig als Zensor dieses Blattes der ganzen Bewegung zu allem Ueberfluss noch die unmittelbare behördliche Genehmigung aufzudrücken schien. Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, dass schliesslich die Krawalle mit einer gewissen Planmässigkeit sich abspielten. Die ungebildete Bevölkerung glaubte im Namen des Zaren zu handeln und die gebildete Bevölkerung nahm berechtigterweise an, dass die Regierung den Krawall wolle. Durch die Einmischung des Verbrechertums und Pöbels, das bei der Passivität der Behörden, der Gendarmen und des Militärs immer kühner wurde, erhielt die Bewegung ihre eigentliche Färbung, und ich glaube annehmen zu dürfen, dass man bei uns in Petersburg im Ministerium des Innern dem Gouverneur nur eins verdenkt: dass er auch träge blieb, als den Ausschreitungen der Stempel kurdischer Barbarei aufgedrückt worden ist. Krawalle — ja; aber nicht so sensationelle Krawalle, die die ganze Welt bis Amerika in Empörung bringen mussten.

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