Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 17 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Hessen sich untereinander auf ihre Glaubwürdigkeit kontrolieren. Auf die grässlichen Vorgänge selbst einzugehen, versage ich mir. Die Szenen, wie man Kinder vor den Augen ihrer Eltern, die festgehalten wurden, an die Wand schleuderte, bis sie regungslos waren; wie man einem alten Mann den Bauch aufschlitzte und den Bauch alsdann mit Federn vollstopfte; wie man junge Mädchen schändete und Arbeitern Hände und Beine absägte — alles das findet sich bei uns sogar in den Zeitungen und ist in der Presse Westeuropas alsdann mit trauriger Deutlichkeit abgedruckt worden. Diese Ereignisse veranlassten Sie, mir folgende Frage vorzulegen : .Wie sind solche Ereignisse möglich, nicht in einem abgelegenen Dorf, sondern in einer bedeutenden Handelsstadt, die entsprechend ihrer nahen Lage an der Grenze mit Polizei wohl versehen und mit Militär ständig vollgepfropft ist?" In der Tat, die Erörterung dieser Frage ist so bedeutungsvoll, dass sie weit hinausgreift über die lokalen Ereignisse, so schrecklich diese gewesen sind, und die Beantwortung dieser Frage wirft zugleich Licht nicht allein auf die Zustände einer russischen Provinzstadt, sondern auf die gesamte russische innere Politik, soweit sie vom Ministerium des Innern, insonderheit von Herrn Plehwe abhängig ist. Die offizielle Darstellung, durch die sich die beteiligten Behörden zu decken suchen, ist die folgende: „Die Juden in Kischenew sind bei der christlichen Bevölkerung unbeliebt. Diese mangelnde Beliebtheit ist auf drei Gründe zurückzuführen; auf religiöse, auf wirtschaftliche und auf politische Gründe. Der Gegensatz der Eeligionen, die Konkurrenz im Erwerbe nähren die Feindschaft, und dazu soll neuerdings noch der Umstand hinzu kommen, dass der rechtgläubige und loyale Kusse den Juden hasse, weil dieser als Sozialist gegen den Zaren wühle und die alte Ordnung des Reiches bedrohe. Der Zündstoff, der damit angehäuft worden, wäre leider — so sagt man — zur Explosion gelangt. Die Hefe der Bevölkerung habe sich schliesslich bei den Tumulten, an denen die Juden durchaus nicht unschuldig gewesen seien, beteiligt, die lokalen Behörden hätten vorübergehend den Kopf verloreü, sobald aber die Nachrichten an die höheren Behörden in Moskau, wo der Kaiser war, gelangten, sei Ruhe und Ordnung wiederhergestellt worden. An dieser Darstellung ist zutreffend, dass in gewissen Kreisen sowohl religiöse wie wirtschaftliche Antipathie gegen die Juden herrscht. Aber diese Antipathien würden die im innersten Kern gutartige Bevölkerung bei uns niemals veranlassen, eine Erneute zu inszenieren. Der Gedanke zur Erneute, wie der Gedanke, dass der Zar gegen die sozialistischen Juden verteidigt werden müsse, wurde unserer Bevölkerung von aussen eingeimpft. Ist das auch insonderheit in Kischenew der Fall gewesen? Von der Kischenewer Zeitung „Bessarabetz-'ist im Auslande schon viel gesprochen worden. Der Besitzer dieses Blattes ist ein