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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-06-01 · 6 (6.1903) · p. Seite 15

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
6 (6.1903)
Date
1903-06-01
Page
Seite 15 (sequence 19)
Language
German
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15 von nationaler uud konfessioneller Feindseligkeit, von Rassen- und Klassenhass erfüllt. Dennoch steht die Bluttat von Kischenew ohne Beispiel da. In einer Stadt von 150.000 Einwohnern mit einem starken Polizeistand und einer grösseren Besatzung konnte eine Bande von einigen hundert Mann nach Gefallen rauben und morden. „Zerrissene Säuglinge, Kinder, die in die oberen Stockwerke geschleppt und von dort auf die Strasse geworfen wurden. Wöchnerinnen mit abgeschnittenen Brüsten und herausgerissenen Gedärmen, erdrosselte Mädchen, vor aller Welt geschändete Frauen, Männer mit herausgeschnittenen Augen und herausgerissener Zunge, Leichname, auf denen die Mörder tanzen und Fahnen schwingen, die sie mit dem Blut der gemordeten Opfer gefärbt haben." Dies ist das grause Bild, in welches der Bericht derOesterreichisch-Israelitischen Union die Mitteilungen der Tatzeugen zusammenfasst. Die Interpellation zitiert sodann die Berichte über die Vorgänge von Kischenew, welche in der ,.Neuen Freien Presse", in der „Arbeiter-Zeitung", in den „Wjedomosti" und in der „Frankfurter Zeitung" erschienen sind und fährt dann fort: Alles das geschah gegen Menschen, die den Angreifern nichts zuleide gethan hatten, die nur die Gottheit auf ihre Weise anbeteten und denen man einen Justizmord nachtrug, der vor 1900 Jahren aus Fanatismus begangen worden war und dem im Laufe dieser Zeit tausende gleichartiger Justizmorde aus gleicher Ursache nachgefolgt sind. Und dennoch ist nicht diese viehische Grausamkeit des Pöbels das am meisten Erschreckende, sondern dass die Untat angestiftet war, dass sie unter den Augen der Behörde stattfand, von ihnen geduldet und unterstützt wurde. Wochenlang hatte der „Bessarabetz" wütende Hetzartikel geschrieben, Ritualmordlügen verbreitet und dem Volke eingeschärft, während der Ostertage Heiligenbilder und Osterkuchen als Erkennungszeichen in die Fenster zu geben. Offen hatte man in der Nachbarschaft verkündet, man solle in den Ostertagen nach Kischenew, man dürfe den Juden alles nehmen, der Zar erlaube das. Augenzeugen berichten, dass unter der Bande Beamte waren, dass Sicherheitsleute über ihrer Uniform Zivilkleider trugen und die Banden anführten. Wie leicht es gewesen wäre, das Uebel zu verhüten, ergibt sich daraus, dass, sowie der Gouverneur die Anweisung erhalten und kundgegeben hatte, von jetzt sollten die Unruhen mit Gewalt unterdrückt werden, es mit einem Schlage still war. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat ein Mitglied seines Zentralkomitees nach Kischenew entsendet, aus dessen Aufnahmen sich folgende Sachlage ergibt: „Die Zahl der zerstörten Häuser beträgt in runder Summe 700, ausserdem sind 600 Geschäfte zerstört. Die Zahl der Menschen, die obdachlos geworden sind, ist auf 10.000 Personen oder 2000 Familien zu schätzen. Auf der Stelle wurden bei den Massakres 45 Personen getödtet, 84 schwer,

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