Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 14 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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14 machten. Herr Lopuchin sagte dem verblüfften Schriftsteller, wie die gutunterrichtete Stuttgarter „Oswoboschdenje" aus zuverlässiger Quelle erfährt, wörtlich: „Ihre publizistische und gesellschaftliche Tätigkeit trägt einen schroff anti-gouvernementalen Charakter. Endlich gingen Sie so weit, in Ihrem im „Woskhod" publizierten Schreiben von der „Rechtlosigkeit des jüdischen Volkes" zu sprechen. Sie erklären also die Unruhen von Kischenew mit der Rechtlosigkeit der Juden. Sie messen folglich die Schuld an den Unruhen der Regierung bei. Ich erkläre Ihnen, dass die Regierung entschlossen ist, dies nicht länger zu dulden. Ich habe Sie hiehergerufen, um Sie' zu warnen. Wenn Sie Ihre Tätigkeit in dieser Richtung fortsetzen sollten, wird das Ministerium die strengsten Massnahmen ergreifen, sogar die Verbannung nach Sibirien anwenden. Ich behaupte, dass die Juden in Bessarabien alle Rechte besitzen, die ganze ökonomische Macht liegt in ihren Händen. Ich betrachte Herrn Kruschewan (den bekannten Redakteur des antisemitischen hetzerischen Blattes „Bessarabetz") als den einzigen Menschen, welchen die Juden nicht bestechen konnten ..." Das sagte Herr Lopuchin über Kruschewan, dem er selbst einige Tage zuvor im Auftrag des Ministers v. Plehwe eine Subvention von 25.000 Rubeln ausbezahlt hatte. Aber noch deutlicher hat sich der Vice-Gouverneur von Bessarabien, Staatsrat Ustrugow, über die Ursachen der Greuel von Kischenew geäussert. Auf dem jüdischen Friedhofe zu Kischenew. während der Beerdigung der zahllosen hingemordeten Opfer, richtete Ustrugow an die Tausende von Juden, welche erschienen waren, um den Unglücklichen die letzte Ehre zu erweisen, folgende charakteristische Ansprache: „Meine Herren! In allzu grosser Zahl seid ihr hier erschienen. Ich könnte auf Grund der mir eingeräumten Vollmachten euch alle sofort davonjagen, aber ihr tut mir leid. Beruhigt euch nun! Vergesst das Vorgefallene: das ist als Belohnung für eure Sünden oder für die Sünden eurer Eltern gekommen. Gott hat es so beschlossen, ihr müsst es in Demut ertragen ..." Der bekannte russische Akademiker Janschul, welcher mit Minister v. Plehwe eine Unterredung über Kischenew hatte, erzählt, Minister Plehwe hätte ihm gesagt, der wahre Antisemitismus in Russland sei nicht bei dem Minister des Innern, sondern am Zarenhofe selbst zu suchen... * * * Interpellation über die Eischenewer Greuel. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 9. Juni richteten die Abgeordneten Dr. 0 f n e r, Dr. Straucher und Genossen eine Interpellation an den Ministerpräsidenten, in welcher ausgeführt wird: Unsere Zeit ist leider allerorten von Leidenschaft,