Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 13 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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13 jüdische Nachricht aus Pinsk: Am 1. und 2. Mai waren wir mit der Organisation einer Miliz zur Selbstwehr beschäftigt, es gelang, gegen 300 kräftige Gesellen, Zimmerleute, Fleischer, Fuhrleute und dergleichen, zu organisieren. Wir werden uns bis zum äussersten verteidigen. * * * Wer trägt die Schuld? Wie seinerzeit bereits gemeldet wurde, haben die Petersburger Schriftsteller in einer Mitte Mai abgehaltenen Versammlung, welcher mehr als zweihundert Vertreter der Journalistik und der Literatur beiwohnten, einstimmig eine Resolution gefasst, in welcher die Bluttaten von Kischenew in den schärfsten Ausdrücken gebrandmarkt und die masslosen Beschränkungen aller Rechte der Juden in Russland als die tiefere Ursache der Juden-Massakres bezeichnet wurden. Die Resolution konnte jedoch mit Rücksicht auf ihren anti - gouvernementalen Charakter der Oeffentlichkeit nicht bekanntgegeben werden. Um aber auch öffentlich die Greuel von Kischenew zu brandmarken, beschlossen die Schriftsteller, ein in diesem Sinne abgefasstes Schreiben in den Blättern zu publizieren. Aber bei der Verwirklichung dieses Vorhabens zeigte sich, wie sich die russische Bureaukratie zu den Bluttaten von Kischenew und zu den Protesten gegen diese Greuel verhält. Dieses Verhalten dürfte Vieles begreiflich machen, was angesichts der Vorgänge in Kischenew völlig unbegreiflich erschien. Das im Namen der Petersburger Schriftsteller und Journalisten abgefasste Schieiben wurde im Auftrage der Versammlung von dem russischen Publizisten und Schriftsteller Nikolai A n n e n s k i j redigiert und unterzeichnet. Zuerst wurde dieses Schreiben dem Herausgeber der „Nowosti", Ossip Notowitsch, zur Veröffentlichung übersendet. Der wies jedoch dieses Schreiben zurück unter Hinweis darauf, dass Minister v. P 1 eh w e die Publikation untersagt habe. Fürst Esper Uchtomskij, der Herausgeber der ,.Petersburgskija Wjedomosti", verweigerte gleichfalls die Publikation des Schreibens. Auch die liberalen, in Moskau erscheinenden „Russija Wjedomosti" druckten das Schreiben nicht ab, sondern gaben den Inhalt desselben wieder, Hessen aber die darin enthaltenen Worte aus : „Dem ganzen rechtlosen jüdischen Volke". Nur die in Petersburg erscheinende Wochenschrift „Woskhod" druckte das Schreiben vollinhaltlich ab. Und nun trat das Verhalten der russischen Bureaukratie deutlich zu Tage. Die ganze Auflage des „Woskhod" wurde konfisziert und der Verfasser des Protestschreibens, Nikolai A n n e n s k i j, zum Direktor des Polizei-Departements, Staatsrath Lopuchin, zitiert. Und hier, im Arbeitszimmer des Herrn Lopuchin, im Ministerium des Innern, vernahm Annenskij Ansichten, welche ihm die Gewalttaten von Kischenew begreiflich