Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Interessante bei diesen Vorgängen ist, dass die Polizei gegen sämtliche Juden, welche sich in Notwehr mit Holzknütteln versahen, die Anzeige wegen „Teilnahme am Aufruhr gegen die Obrigkeit" erstatten liess .. . In der Puschkinstrasse hieb ein Kosakenoffizier eigenhändig eine alte Jüdin nieder, welche ihre Tochter den Händen der Mörder entreissen wollte, die dem Mädchen die Kleider vom Leibe herunterrissen und Anstalten machten, sie in einen Brunnen zu werfen. Nur dem Dazwischentreten eines christlichen Apothekers war es zu verdanken, dass das unglückliche Mädchen dem Tode entging. Und während diese Greuel sich in den Strassen von Kischenew abspielten, sass der Gouverneur v. Ea a b e n in seinem Palais, das auf seinen Befehl von Truppen umschlossen war, deren Kommandant den Aultrag erhielt, jeden Versuch, in das Palais zu gelangen, mit Waffengewalt zurückzuweisen. Ein anderer Augenzeuge beklagt sich bitter darüber, dass die Richter, welche über die Plünderer und Mörder zu Gericht sitzen, last alle freisprachen. Von 127 Angeklagten, welche in der abgelaufenen Woche vor Gericht standen, wurden 119 freigesprochen, die anderen zu kleinen Arreststrafen verurteilt. Auch den offiziellen Bericht des russischen „Regierungsboten" über die Vorgänge von Kischenew bezeichnen die in Wien weilenden Augenzeugen als unrichtig. Die Behauptung des Berichtes, dass ein jüdischer Karussel-Besitzer ein Christenweib misshandelt hätte, sei eine Unwahrheit. * * * Der „Oesterreichischen Wochenschrift" entnehmen wir: Ueber die Ereignisse in Kischenew bringt der vortrefflich geleitete „Europeen", dieses Blatt, das sich der Verfolgten jeder Nationalität und jeder Konfession so hingebend annimmt, einen äusserst interessanten Artikel von einem Russen. Man musste sich immer wieder fragen, wie konnten die Zivil- und Militärbehörden diese Massakres, die einem Kurdenstamm alle Ehre gemacht haben würden, ruhig Tage lang zulassen. Allmählich werden jetzt Beweggründe bekannt, die wenigstens einigermassen die Haltung der Beamten erklären. Die Beamten rührten sich nicht, weil, wie zuverlässig versichert wird, die Juden nicht rechtzeitig sich die Protektion der Gewaltigen durch eine entsprechende Anzahl Rubel erkauft hatten. In einzelnen Gegenden Kleinasiens und Arabiens reist man gleichfalls, indem man zuvor durch Geld sich von den einzelnen Stämmen Sicherheit erkauft. Auf dieser Höhe standen leider die Zustände in Kischenew. Dazu kommen aber allgemeine, erklärende politische Erwägungen. Auf sie wirft eine Aeusserung Licht, die der Graf