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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-06-01 · 6 (6.1903) · p. Seite 5

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
6 (6.1903)
Date
1903-06-01
Page
Seite 5 (sequence 9)
Language
German
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Wir haben schon in der letzten Nummer unserer Monatschrift ausdrücklich gesagt, dass alle Geldspenden nicht verhindern können, dass wir binnen Kurzem wiederum von ähnlichen Bluttaten hören werden, wenn die russischen Juden nicht zur Selbstverteidigung schreiten sollten. In dieser Organisation sollten alle in- und ausländischen Juden jene bedauernswerten Glaubensgenossen unterstützen, die den russischen Staub leider nicht von sich abschütteln können und in der Umgebung reissender Tiere ausharren müssen. Wenn wir auch den materiellen Sammlungen relativ geringen Wert beimessen, so können wir doch nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, dass deren Ergebnisse geradezu schmähliche genannt werden müssen, und dass wir hier wiederum einmal gründlich belehrt wurden, wie es — im Gegensatz zu England, Deutschland etc. — speziell in Oesterreich mit der „christlichen Nächstenliebe" aüsschaut. Während sich ein österreichischer Christ oder Jude ebensowenig wie der Zar bei den Ueberschwemmungskatastrophen in Marseille oder Danzig von einer Spende abhalten Hess, weil es sich um Ausländer handelte, haben der Zar und die christlichen wohlsituierten Kreise in seltener Einmütigkeit in diesem Falle die Taschen zugehalten. Handelt es sich doch nur um Juden, die man grossmütig der Unterstützung der bemittelten Glaubensgenossen überlässt, derselben Glaubensgenossen, an die man sich vielleicht morgen schon für „humanitäre" Aktionen wendet, mögen diese auch antisemitischen Zwecken dienen! Und was das Aergste ist, die wohlhabenden Juden werden auch hieraus keine Lehre ziehen, und statt gewissen gräflichen Wohltätigkeits-Egerien die Türe zu weisen und sie zu fragen: „Was hat denn die gesammte Christenheit, speziell die reiche österreichische Aristokratie, Klerus, Industrie und Bürgertum für unsere dahingeschlachteten Glaubensgenossen in Kischenew getan?" werden sie noch stolz sein, ihr Geld hergeben zu dürfen. Vielleicht blinkt ein rotes Bändchen für solche „patriotischen" Leistungen, in welchem man sein Gewissen ersticken kann und in dem das rote Blut der gemordeten Glaubensgenossen verschwindet. Aber nicht einmal zu kostenlosen Sympathiebeweisen, wie Protest-Meetings etc., hat die österreichische Intelligenz und das Bürgertum sich aufgeschwungen, wie es in allen anderen zivilisierten Ländern der Fall war. Nur die Sozialdemokraten haben eine Versammlung veranstaltet, die in Folge unnötiger Verquickung des Kischenewer Judengemetzels mit der flnnländischen Frage eine politische Färbung bekam, die dem rein menschlichen Protest nur schaden konnte. Dass es tief beklagenswert ist, wenn sich gerade ein Jude — der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Ellenbogen — dazu hergab, auch hier die traurige österreichische Spezialität jüdischer Sozialdemokraten und Sozialpolitiker ad oculos zu demonstrieren und in falscher Scham der

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