Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 5 (5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 13 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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13 Die Verfolgung seiner Glaubensgenossen reifte in ihm den Entschluss, den sittlichen Kern der jüdischen Lehre in seiner „Ethik des Judentums" darzustellen. Es erfüllt uns mit Stolz, dass dieses Standard-Work einer Anregung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde seine Entstehung verdankt. Leider war es Lazarus nicht beschieden, den zweiten Teil seiner „Ethik" zu Ende zu bringen. Mitten in der Arbeit und kurz vor deren Vollendung nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. Der Vorstand der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" hat seiner Trauer über den Heimgang des grossen Denkers in einer telegrafischen Kondolenz an die Witwe und treue Mitarbeiterin Lazarus' Ausdruck gegeben, und ich bitte die geehrte Generalversammlung, auch ihrerseits das Andenken des Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen die verdiente Ehre zu erweisen." Sekretär Fleischer verlas sodann folgenden Rechenschaftsbericht : „Geehrte Generalversammlung! Auch im abgelaufenen Jahre trug unser innerpolitisches Leben dieselben Zeichen krankhaften Verfalles, die wir schon seit Jahren beobachten. Keine unserer bürgerlichen Parteien vermochte den Grundsätzen der Freiheit und Gleichberechtigung grösseres Gewicht einzuräumen, als den nationalen Forderungen. Ja. im Gegenteile, die nationalen Kämpfe haben sich verschärft und ihren zerreibenden Einfluss auch auf solche Kreise geübt, die bisher, wenigstens dem Worte nach, konfessionelle Unterschiede nicht kannten. Der Ausfall der letzten Landtagswahlen in Niederösterreich und die Entsendung eines radikalen Antisemiten aus dem vornehmsten tschechischen Wahlbezirke in den Reichsrat beweisen, dass der Antisemitismus seine werbende Kraft noch nicht eingebüsst hat. Da derselbe unbestritten ein Produkt der nationalen Kämpfe ist, so folgt aus der Verschärfung der nationalen Gegensätze naturgemäss noch immer eine Steigerung des Judenhasses. Eis folgt daraus aber auch die Erkenntnis, dass unsere Glaubensgenossen alle Ursache haben, sich von nationalen Agitationen, auf welcher Seite immer, ferne zu halten und nicht selbst noch jenem Brande Nahrung zuzuführen, dessen Flugfeuer die Dächer ihrer eigenen Häuser ergreift. Eine politische Korporation innerhalb der österreichischen Judenschaft kann daher nach wie vor nichts anderes thun, als sich strenge auf der Grenzlinie der Defensive zu halten und auf dem Boden der verfassungsmässigen Rechte ruhig abzuwarten, bis aus dem Chaos unserer inneren Wirrnisse sich neue Parteigruppen wahrhaft freisinnigen Charakters herausbilden. Wann der Zeitpunkt solcher Neubildungen eintreten wird, lässt sich heute kaum noch voraussehen; aber er wird so gewiss kommen, als die Erhaltung Oesterreichs im Lebensinteresse all' seiner Völker gelegen ist.